Inflationsgefahr für Zinssenkung zu hoch
Experten erwarten keine EZB-Zinssenkung am Donnerstag

rtr FRANKFURT. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird am Donnerstag nach nahezu einhelliger Einschätzung von Analysten trotz Anzeichen einer konjunkturellen Abschwächung in der Euro-Zone die Leitzinsen unverändert lassen. Sowohl das Inflationsniveau als auch das Geldmengenwachstum lassen der EZB den Experten zufolge keinen Spielraum für eine Zinssenkung, die der schwächelnden Konjunktur helfen könnte. Zahlreiche EZB-Vertreter hatten zuletzt die abwartende geldpolitische Haltung der EZB bekräftigt. Die EZB wird den Zinsentscheid am Donnerstag gegen 13.45 Uhr MESZ bekannt geben. Wie nach jeder ersten Sitzung des Monats üblich, wird EZB-Chef Wim Duisenberg den Beschluss dann ab 14.30 vor der Presse erläutern.

Einer Reuters-Umfrage unter 50 Volkswirten vom vergangenen Donnerstag zufolge rechnet lediglich ein Analyst mit einer Zinssenkung am Donnerstag, zwei zeigten sich unentschlossen. Die übrigen Volkswirte prognostizierten eine Beibehaltung des Schlüsselzinses von 4,75 %. Knapp die Hälfte der Befragten rechnet mit einer Zinssenkung erst im dritten Quartal. Am verbreitetsten ist unter den Experten die Begründung, die von der EZB oft angesprochenen Inflationsgefahren seien nicht aus der Welt. Eine Rezession in den USA, die sich auch auf die Euro-Zone auswirken könne, sei keine ausgemachte Sache. "Wenn sie kommt, könnte selbst eine Politik à la Fed uns nicht vollständig vor den Folgen bewahren", heißt es in einer Studie der Commerzbank.

Konjunkturschwäche fordert baldige Zinssenkung

Die konjunkturelle Entwicklung in der Euro-Zone erfordert nach Einschätzung zahlreicher Händler dennoch baldige Zinssenkungen. Die EZB hat bisher als einzige große Notenbank in diesem Jahr noch nicht mit niedrigeren Zinsen auf die lahmende Weltkonjunktur reagiert. Bei nachlassender Inflation kann die EZB die Zinsen nach Einschätzung von Uwe Angenendt von der BHF Bank bis Jahresende noch um 75 Basispunkte senken. "Die Konjunktur zu stabilisieren, gehört für die EZB zur Kür", sagte dagegen Jürgen Michels vom Bankhaus Sal. Oppenheim. Im Moment muss die Zentralbank seiner Meinung nach aber ihre Pflicht erfüllen, also die Preisstabilität garantieren. "Schaut man auf Inflation und Geldmenge, müsste die EZB sogar um 25 Basispunkte nach oben gehen", sagte Lothar Frank von Paribas. Einen solchen Schritt könne sich die Zentralbank beim derzeitigen konjunkturellen Umfeld aber nicht leisten, sagte Frank weiter.

Die geldpolitische Strategie der EZB fußt auf zwei Säulen. Das Geldmengenwachstum bildet die erste Säule, die zweite Säule besteht aus einer breiten Beurteilung der Inflationsaussichten. Sowohl die Entwicklung beider Säulen, als auch das wirtschaftliche Wachstum bieten der EZB der Commerzbank zufolge keinen Anlass, von ihrer neutralen Linie abzuweichen. Das Geldmengenaggregat M3 wuchs im März nach EZB-Angaben mit einer Jahresrate von 5,0 % nach 4,7 % im Februar. Analysten hatten mit lediglich 4,4 % gerechnet.

EZB skeptisch bei Inflation

EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing hatte den Anstieg des M3-Wachstums am Donnerstag nicht als Signal für ein Ende des prinzipiell rückläufigen Trends bewertet. Er hatte darauf hingewiesen, dass die Daten nach oben verzerrt sein könnten. Die EZB werde diese Frage in ihrem Mai-Monatsbericht aufarbeiten. Analysten leiteten aus dieser Aussage die Hoffnung ab, das Geldmengenwachstum könne im April wieder nachlassen. Issing und Duisenberg hatten rund eine Woche zuvor Zweifel daran geäußert, dass die Inflation in der Euro-Zone im Jahr 2001 unter 2 % fallen wird. Diese Marke hat die EZB als mittelfristige Toleranzgrenze für Preisstabilität festgelegt. Seit vergangenen Juni liegt die Inflationsrate in der Euro-Zone über diesem Wert und betrug im März 2,6 %. Zahlreiche EZB-Vertreter - darunter Bundesbankpräsident Ernst Welteke, EZB-Vizepräsident Christian Noyer und Direktoriumsmitglied Tommaso Padoa-Schioppa - verteidigten zuletzt die abwartende EZB-Haltung.

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