Informations- und Kommunikationswirtschaft setzt zu neuen Technologiesprüngen an
Erneuter Anlauf nach Jubelchor und Grabgesang

Es bleibt spannend in der Informations- und Kommunikationswirtschaft. Das Jahr 2001 war stürmisch und brachte unerwartete Umsatzeinbrüche insbesondere bei den Herstellern von Endgeräten und Infrastruktursystemen. Eine zurückhaltende Investitionsneigung - in Unternehmen wie bei Privatkunden - und die Turbulenzen an den Börsen sorgten in diesen Segmenten für teils zweistellige Umsatzrückgänge. Das Wachstum im Software- und Service-Sektor konnte diese Verluste allerdings im wesentlichen ausgleichen. Für 2002 steht ein Thema über allen anderen auf der Agenda: Die nachhaltige Wiederbelebung des Markts.

Gast-Kolumne von Volker Jung, Präsident Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM)

Die Informations- und Kommunikationswirtschaft (ITK) setzt zurzeit an zwei Stellen zu einem Technologiesprung an. Diesmal geht es nicht um schnellere Prozessoren oder leichtere Notebooks. Es geht um mehr Bandbreite, mehr Mobilität und mehr technologische Konvergenz. Der neue Standard Multimedia Home Platform (MHP) wird Computertechnik und Unterhaltungselektronik in den Privathaushalten zusammenführen. Vor allem aber wird der neue Mobilfunkstandard UMTS hochleistungsfähige Internet-Anwendungen mobil nutzbar machen.

Ziemlich genau zur CeBIT wird sich der milliardste Handybesitzer in die weltweiten Mobilfunknetze einwählen. Die Zahl der Internet-Nutzer überstieg jüngst die 500-Millionen-Marke. Die kritische Masse von UMTS entsteht an der Schnittstelle von Mobilfunk und Internet. Hier ist Europa und ist insbesondere Deutschland den USA um Jahre voraus. Denn gerade in Westeuropa hat sich die Mobilkommunikation in den letzten 10 Jahren mit größter Dynamik entwickelt. 1991 gab es erst ca. 5 Millionen Europäer mit Mobiltelefon, heute - zehn Jahre später - sind es 339 Millionen. In Deutschland war ein noch rasanteres Wachstum zu beobachten: In den vergangenen zehn Jahren wuchs die Zahl der Mobilfunkteilnehmer um den Faktor 112 von 0,5 auf aktuell 57 Millionen. In 2001 hat die Zahl der Mobilfunkanschlüsse die Zahl der Festnetzanschlüsse in Deutschland erstmals übertroffen.

Das ist ein echter Paradigmenwechsel. GPRS gibt zurzeit einen kleinen Vorgeschmack auf die mobile Zukunft. Mobile Messaging, Mobile Commerce, Mobile Work oder Mobile Health und Mobile Entertainment heißen die künftigen Anwendungen. Sie werden auf Notebooks, Handhelds, Handys oder neuartigen Geräten, die sich noch im Entwicklungsstadium befinden, laufen. In Deutschland sind etwa 6 Millionen Notebooks im Einsatz. Die mobilen PCs bieten ein enormes Potenzial für UMTS-Anwendungen. Der Markt für die so genannten Handheld Computer, wie Taschencomputer, Personal Digital Assistants, Smartphones oder Featurephones, also Mobiltelefone mit zusätzlichen Funktionen wie Organizer und E-Mail, wird in diesem Jahr um 20% wachsen, das ist fünfmal schneller als der gesamte ITK-Markt. Die nächsten Monate und Jahre werden hier eine Fülle neuer Geräte und Dienste bringen.

Voraussetzung dafür, dass sich der UMTS-Markt schnell entwickelt, ist der zügige Aufbau der Netze. Die Lizenzbedingungen lassen keine Verzögerungen zu. Gerade in Deutschland befindet sich die Telekommunikationsbranche unter extremem Zeit- und Kostendruck. Die deutschen Netzbetreiber mussten gemeinsam mit den Briten die in Europa höchsten Lizenzgebühren aufbringen. Kosten von 614 Euro je Bundesbürger stehen z.B. 13 Euro je Einwohner in Spanien gegenüber. Bezogen auf die Kosten der ersteigerten Bandbreite liegt Deutschland einsam an der Spitze: 4,27 Milliarden Euro kostete das 2x5-Megahertz-Band. Zum Vergleich: In der Schweiz lagen die Kosten für die entsprechende Bandbreite lediglich bei 12 Mio. Euro, also um den Faktor 356 niedriger.

Um die enormen Investitionen amortisieren zu können, braucht die Branche mehr Freiheit beim Aufbau der UMTS-Netze. Was die Branche jetzt nicht braucht, sind wertlose, sogenannte Öko-Label für Handys. Zurzeit schüren selbst ernannte Experten in der Bevölkerung diffuse Ängste vor elektromagnetischen Feldern. Die öffentliche Debatte entzieht sich mittlerweile jeder sachlichen Betrachtungsweise. Keine der mehreren tausend verfügbaren Studien hat Hinweise ergeben, dass unterhalb der bestehenden Grenzwerte biologische Schäden entstehen. In diesem wissenschaftlichen Sinne sollte auch von den politischen Entscheidungsträgern klar Position bezogen werden.

Wenn es gelingt, die UMTS-Infrastrukturen zügig aufzubauen, werden im Umfeld dieser Technologie zahlreiche neue Unternehmen entstehen, die UMTS-Endgeräte, -Software und-Dienstleistungen anbieten. Der GSM-Standard und das Internet-Protokoll haben in Deutschland zur Gründung von etwa 5.000 Unternehmen mit ca. 100.000 Arbeitsplätzen und einer jährlichen Wirtschaftsleistung von ungefähr 30 Mrd. ? geführt. Ähnliche Potenziale besitzt auch UMTS. Und die Multimedia Home Platform wird ein Übriges tun, um zukunftsfähige Arbeitsplätze und Wertschöpfung nach Deutschland zu holen.

Die Wirtschaft steht in den Startlöchern. Sie braucht nun optimale politische und steuerliche Rahmenbedingungen, sie braucht hochqualifizierte Fachkräfte und sie braucht eine neue Gründerkultur. Die Internet-Wirtschaft war kein Strohfeuer. Electronic und Mobile Business haben als Geschäftsmodelle Substanz und Zukunft. Auch künftig sind unternehmerische Initiative und persönliche Risikobereitschaft gefragt, um neue Geschäftsfelder mit Energie und letztlich erfolgreich anzugehen. Wenn dies erkannt wird und die Rahmenbedingungen stimmen, hat Deutschland alle Chancen, den globalen Wettbewerb um das mobile Internet zu gewinnen und den Märkten für Information und Kommunikation neues Leben einzuhauchen.

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