Informationstechnik: Ingenieurmangel könnte Ausbaupläne der Displayindustrie behindern
Logistik der kurzen Wege

Flachbildschirme bieten Taiwan interessante Zukunftsperspektiven. Für Outsourcing-Projekte ist die Insel aus unterschiedlichen Gründen interessant: niedrige Fertigungskosten, innovationsfreundliche Industriepolitik und effiziente Logistik-Lösungen.

SAN DIEGO Taiwan, die selbstbewusste grüne Insel vor dem roten Riesenfestland China, ist stolz auf das in zwanzig Jahren forcierter Industriepolitik Erreichte - und setzt sich neue herausfordernde Ziele. Bis 2006, sagt Richard Tsai, Direktor des Taiwan External Trade Development Council (Taitra) in San Francisco, soll Taiwan die weltgrößte Baisis für die Fertigung für Aktivmatrix- LCD-Displays sein. Europa ist Teil dieser Marktoffensive - wie die massive taiwanische Präsenz auf der CeBIT gezeigt hat.

Flachbildschirme aus Taiwan, da ist sich Richard Tsai sicher, werden in den nächsten Jahren ganz wichtig für den Weltmarkt werden. LCDs in der beherrschenden TFT-Technik sollen, so projektiert der Direktor des Taiwan External Trade Development Council (Taitra), um 2006 einen Produktionswert von 40 Mrd. $ haben - 2002 waren es 15,5 Mrd. $. Um dieses Ziel zu erreichen, veranschlagt er eine kumulative Investitionssumme von 12 Mrd. $.

Rahmen ist ein eng fokussierter Sechsjahrplan ("Herausforderung 2008") mit strikter Ausrichtung auf vier technologische Säulen: Neben LCD-Panels und Monitoren (mehr als die Hälfte, 54,5 %, kommt weltweit bereits aus Taiwan) sind das traditionell die Halbleiterchips (73 % der Weltproduktion), vor allem dank des Outsourcing-Modells der Silizium-Foundries. Dritte Säule ist "digital content" (Software), die vierte, als neueste innovative Stoßrichtung, "Bio". In zehn Jahren, so Tsai, sollen 500 biotechnische Firmen Taiwan zur Heimat haben.

Die Erfolgsfaktoren der Taiwaner: niedrige Fertigungskosten und leichter, zinssubventionierter Zugang zu Investitionskapital. Innovationsfreundliche Industriepolitik der Regierung. Hinzu kommen dichte industrielle Infrastruktur mit spezifischem Clustering verwandter Industrien und hoch entwickelte Vernetzung der Zulieferer. Alles mit einer Stunde Transportzeit vernetzt. Logistik der kurzen Wege, zum Gutteil entstanden durch das Outsourcing ausländischer OEMs.

Im Norden der Insel, nahe dem Bankenzentrum der Hauptstadt Taipeh, siedeln die Hersteller von Chips und IT-Subsystemen neben den älteren LCD-Fabs. Gleich nebenan sind die Systemintegratoren von Notebooks, PDAs, Handys und LCDs. Ein bisschen weiter entlang der Westküste finden sich Taiwans neue Kronjuwelen: Forschungs- und Industrieparks, insgesamt zehn an der Zahl.

Weiter im Süden: die Industrie-Cluster der Optoelektronik für LCDs, Backlight-Lichtquellen, Farbfilter und Glassubstrate. Und nahe der Südspitze der Insel findet man japanische LCD-Hersteller wie Hitachi und Sharp. Mit japanischer Technologie kam der Anlauf Taiwans in die flachen Bildschirme in Schwung. "Bis heute ein erfolgreiches Prinzip", sagt David Tsieh vom US-Marktforscher Displaysearch. "Taiwan ist vom japanischen Arbeitsstil geprägt und hat sich entsprechend entwickelt."

Jetzt beginnt sich die etablierte Fertigungsbasis zu ändern - im harten nationalen Wettbewerb mit dem Lehrmeister Japan und dem bereits weiter entwickelten Korea. Nun kommt Festland-China als neuer Outsourcing-Partner ins Spiel. Wenn auch zunächst vor allem im Backend-Bereich: Test und Burn-in, Rahmen und Halterungen, Lichtquellen, Platinen - der klassische Verlauf der High-Tech-Industrialisierung.

Beim heißen Investment-Boom im Displaysegment, in Fabs der "fünften" und "sechsten" Generation (mit immer größeren "Mutterglas"-Formaten), ändert sich auch die Industriestruktur. Die Fertigung kleiner und mittlerer Panels tendiert nach China. Entsprechend werden die älteren Fabs auf kleine und mittlere Displays umgewidmet.

Das ist ein Markt, der große Stückzahlen abnimmt und den taiwanischen Herstellern eine Marktexpansion erlaubt. Auch bilden sich in der TFT-LCD-Fertigung, wie zuvor bei den Halbleiterchips, spezielle Designhäuser, deren Abnehmer die eigentlichen LCD-Panelhersteller sind. Langfristziel ist der Einstieg in die Großbildschirme für das digitale Fernsehen.

Neben den Standortvorteilen, niedrigen Kosten und effizienter Logistik bei großer kultureller Nähe zu China konstatiert David Hsieh aber auch gewisse Minuspunkte der taiwanischen Anbieter. Bei aller Betonung der Innovationsstärke liegt Taiwan, so Tsieh, "in puncto Produktentwicklung immer noch hinter Korea und Japan". Das Gleiche gilt für das Durchsetzen von Standards.

Bei der Ausbildung von Fachkräften zeigen sich erste Probleme. Obwohl das Hochschulsystem die Industrie mit jährlich 20.000 Master- und Doktor-Absolventen bedient, werden die Fachkräfte knapp.

"Um alle die neuen Fabriken auszustaffieren", sagt Chen Lung Kuo, Vizepräsident des führenden Panelherstellers Chi Mei Optoelectronics, "braucht Taiwan mehr Ingenieure." Ein Mangel an Fachkräften könnte die ehrgeizigen Produktionsziele in Frage stellen.

Autor: Werner Schulz

Quelle: VDI Nr. 18 vom 30.04.2004 Seite 30

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