ING gibt dem Druck der Öffentlichkeit nach
Den Haag will exzessiven Topgehältern Riegel vorschieben

Nach dem starken Konjunktureinbruch in den Niederlanden steigt die Wut von Aktionären und Gewerkschaften über die trotz der Wirtschaftskrise prächtigen Vorstandsgehälter. Erstmals machen Christdemokraten und Liberale Vorschläge, um die "exzessive Selbstbereicherung" einzudämmen.

HB BRÜSSEL. Die Vorstände der großen niederländischen Konzerne haben ihre Bezüge vergangenes Jahr um durchschnittlich rund 7 % erhöht, wohlgemerkt in einem Jahr von Börsenkrise und Nullwachstum. Das berechneten niederländische Medien auf Basis der 50 größten Börsenkonzerne. Der Anstieg steht in schrillem Kontrast zu dem unter der Inflationsrate liegenden Tariflohnanstieg von 3,3 % und dem durchschnittlichen Kursverlust von 35 % an der Amsterdamer Börse. In den Niederlanden müssen seit diesem Jahr alle Börsenkonzerne die Vorstandsbezüge im Jahresbericht detailliert mitteilen.

Angesichts hoher Bonusse, Optionen und Abfindungen sei der Arbeitgeberverband VNO-NCW kaum glaubwürdig, wenn er Lohnmäßigung verlange, kritisierte der noch amtierende liberale Finanzminister Hans Hoogervorst. Mäßigung sei aber angesichts der Wirtschaftskrise dringend nötig, da sich die Wettbewerbsposition des Landes durch hohe Lohnkosten stark verschlechtert habe. Die Gewerkschaften drohten, mehr zu fordern, falls sich die Bosse nicht auch mäßigten. Bisher liegen die tariflichen Lohnerhöhungen für dieses Jahr bei maximal 2,5 %. Die Gewerkschaften nehmen dem Unternehmensdachverband VNO-NCW nicht ab, dass die Managergehälter dieses Jahr nur um zwei Prozent steigen. Denn vor drei Jahren hatte der Verband behauptet, die Aufholjagd sei beendet und die Manager würden sich nun zurückhalten. Was sie aber nicht taten, wie sich hinterher erwies.

Die neue niederländische Koalition aus Christdemokraten, Rechts- und Linksliberalen will exorbitanten Vorstandsgehältern ab Januar 2004 einen Riegel vorschieben. Unternehmen sollen Optionen und Abfindungen nicht mehr als Lohnkosten vom zu versteuernden Gewinn abziehen können, sondern auch für sie die Einkommenssteuer von 35 % zahlen. Vorteilige Steuerregeln für die Vorstände sollen fallen. Bisher können diese den günstigsten Zeitpunkt wählen, um für Optionen oder Abfindungen Steuern zu zahlen. Sie können ihn verschieben, indem sie sie vorläufig steuerbefreit in Altersvorsorgeprodukte stecken. Das sind die ersten konkreten Vorschläge aus Den Haag, seit der einstige sozialdemokratische Premier Wim Kok vor einigen Jahren von "exhibitionistischer Selbstbereicherung" sprach.

Gehaltsrückgang durch Aktienoptionen kompensiert

Etwa die Hälfte der Top-Gehälter hängt von Leistungen und Gewinn ab. Das ließe angesichts vieler Ergebniseinbrüche einen Gehaltsrückgang erwarten. Zwar waren feste Gehälter und Bonusse tatsächlich meist eingefroren und teils gesenkt. Das wurde jedoch mehr als kompensiert durch mehr Aktienoptionen. Besonderen Ärger zieht seit Wochen Telekomkonzern KPN auf sich. Der Konzern reagierte inzwischen auf die Kritik. Ab 2004 soll die Entlohnung der Vorstände stark und nachprüfbar leistungsabhängig sein. Vorstandschef Ad Scheepbouwer strich vergangenes Jahr 2,7 Mrd. Euro als Bonus ein und 1,6 Mill. Aktienoptionen. Finanzminister Hoogervorst bezeichnete das als "unmäßig". Er hat es aber nicht verhindern können, obgleich der Staat 30 % an dem Unternehmen hält. Hätte er den Jahresbericht abgelehnt, hätte das KPN "in eine schwere Krise gestürzt", verteidigte sich der Minister vor dem Haager Parlament.

Der Bonus stehe in krassem Widerspruch zu den Tarifvereinbarungen, sagten Vertreter großer Pensionsfonds auf der Aktionärsversammlung vergangene Woche. Die Beschäftigten müssten seit zwei Jahren Nullrunden ertragen, murrten Gewerkschafter. Der Vorsitzende der Aktionärsvereinigung VEB Peter Paul de Vries beschwerte sich unter Applaus, dass Scheepbouwer optimal bezahlt werde, obwohl er Aufsichtsrat war, als unter Paul Smits ein Schuldenberg von 23 Mrd. Euro den Konzern an den Rand des Abgrundes brachte. "Wenn man Dreck macht und ihn selbst beseitigt, muss man dafür nicht belohnt werden", sagte de Vries. Die Aktionäre protestierten auch gegen die Abfindung von 2,9 Mrd. Euro für Smits.

Ein Aktionär aber urteilte, Scheepbouwer gehöre zu den wenigen Menschen, die einen Betrieb gut führten. Angesichts seiner spektakulären Erfolge sei der Bonus angemessen. KPN schreibt wieder schwarze Zahlen. Zu besonderem Unmut führte auch die Ankündigung des Allfinanzkonzerns ING, die Topgehälter in den kommenden Jahren um 60 % zu erhöhen. Den Angestellten bot das Institut dieses Jahr eine Lohnerhöhung von 1 % an. Vorstandschef Ewald Kist relativierte: die Vorstandsbezüge seien seit drei Jahren teils zweistellig gesunken und lägen 40 % unter dem europäischen Durchschnitt. Tatsächlich waren seine Bezüge von insgesamt 1,3 Mrd. Euro relativ bescheiden - der Chef des drittgrößten niederländischen Konzerns steht auf der Liste der höchsten Managergehälter auf Rang 89.

"Erst sehen, dann glauben"

Das Topmanagement des internationalen Konzerns müsse marktkonform entlohnt werden, betonte Kist. Trotzdem blieb der öffentliche Druck auf ING heftig. Vergangene Woche gab der Konzern nach: die Erhöhung ist vom Tisch. Der Aufsichtsrat sucht nach Alternativen. Die Entscheidung sei ein Wendepunkt bei der Entlohnung niederländischer Manager, urteilt "Het Financieele Dagblad".

Interessanterweise plädierte der ING-Chef dafür, die Vergütung mit Aktienoptionen generell einzudämmen. Zudem sei es falsch, schlecht funktionierenden Vorständen die Entlassung durch hohe Abfindungen zu vergolden. Vergangenes Jahr zahlten 25 Konzerne insgesamt 34 Mrd. Euro an Abfindungen und goldenen Handschlägen für Vorstände, schreibt das "NRC Handelsblad".

Finanzvorstände: Optionen fördern Bilanzskandale

Die Gewerkschaften äußerten sich erfreut, dass sich die Politik dem Problem annimmt. Aber sie bleiben abwartend: "Erst sehen, dann glauben", heißt es beim Dachverband FNV. Der Unternehmensverband VNO-NCW reagierte zurückhaltend. Er befürwortet Optionsregeln. Aber man könne sich fragen, ob es in Zeiten von Lohnmäßigung vernünftig sei, Aktienoptionen an Vorstände zu verteilen, heißt es. Deutlich plädierte der Verband aber für eine Senkung der hohen Abfindungen.

Gegen Aktienoptionen ist inzwischen auch innerhalb der Konzerne Unmut aufgekommen. Rund drei Viertel aller Finanzvorstände plädiert gar für ein Verbot, ergab eine Umfrage des Forschungsbüros Interview NSS. Sie meinen, Optionen förderten Bilanzskandale, indem sie Manager anspornten, wie auch immer steigende Börsenkurse zu erreichen, und sei es mit fragwürdiger Methoden. So sieht das auch das Haager Parlament. Eine Mehrheit der Abgeordneten scheint nach einer Fragestunde Ende April bereit, Optionsbelohnungen zu verbieten.

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