Inlandsnachfrage hat sich stabilisiert – Auslandsorders brechen ein
Zweifel am Aufschwung in Deutschland nehmen zu

Die Auftragseingänge in der deutschen Industrie sind im Juni überraschend stark gefallen. Dadurch hat sich die Skepsis, dass die deutsche Wirtschaft schon im dritten Quartal an Fahrt gewinnt, abermals verstärkt.

ost/HB DÜSSELDORF. Die Zweifel an einem raschen Aufschwung in Deutschland sind am Mittwoch weiter gewachsen. Denn die Industrie-Unternehmen haben im Juni deutlich weniger neue Aufträge bekommen, als Volkswirte erwartet hatten. Das Minus lag saisonbereinigt bei 3,2 Prozent, meldete das Bundesfinanzministerium am Mittwoch. Ökonomen hatten nur mit einem etwa halb so starken Rückgang gerechnet. Gegenüber dem Vorjahresmonat stiegen die Orders um 1,1 Prozent.

"Der Aufschwung hat sich merklich verzögert, nicht zuletzt auf Grund der weltweiten Börsenkrise", sagte Bert Rürup, Mitglied im Sachverständigenrat, gestern. Die deutsche Wirtschaft werde wohl erst im vierten Quartal merklich an Fahrt gewinnen. Die Deutsche Bank senkte gestern ihre Konjunktur-Prognose für Deutschland. Statt 0,7 Prozent Wachstum rechnet das Geldhaus jetzt nur noch mit einem Plus von 0,5 Prozent. "Die heutigen Zahlen zeigen, dass die Erholung in Deutschland noch auf wackeligen Füßen steht", sagte Stefan Bielmeier, Volkswirt bei der Deutschen Bank. Die Bundesregierung rechnet dagegen weiterhin mit einem Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts um 0,75 Prozent im laufenden Jahr.

Einige Volkswirte bemühten sich allerdings, den Nachfragerückgang in Juni zu relativieren: "Die Zahlen sind zwar nicht erfreulich, doch Anlass zur Sorge geben sie nicht", betont Andreas Scheuerle, Volkswirt bei der Deka-Bank. Sein Kollege Harald Jörg von der Dresdner Bank sagt: "Das ist kein Einbruch, sondern nur eine Normalisierung, weil die Mai-Zahlen klar überzeichnet waren." Denn damals waren die Auftragseingänge enorm nach oben geschossen. Das Plus zum Vormonat lag bei stattlichen 3,3 Prozent - vor allem dank etlicher Großaufträge aus dem Ausland. "Der Rückgang im Juni ist hauptsächlich eine Gegenbewegung gegenüber Mai", meint auch Jörg Lüschow von der WestLB.

Insgesamt hätten sich die Auftragseingänge seit Jahresbeginn gar nicht schlecht entwickelt, betonten die optimistischen Ökonomen. Allein im zweiten Quartal bekamen die Unternehmen gut 2 Prozent mehr Orders als im ersten Vierteljahr. "Damit haben sich die Auftragsbücher im ersten Halbjahr wieder etwas gefüllt", so Scheuerle von der Deka-Bank.

Das Minus im Juni ist ausschließlich auf weniger Aufträge aus dem Ausland zurückzuführen. Nachdem diese im Mai um beachtliche 9,4 Prozentgestiegen waren, sackten sie nun um 7,0 Prozent unter den Stand des Vormonats. Bei der seit Monaten schwachen Inlandsnachfrage zeichnet sich immerhin eine Bodenbildung ab - viel neue Dynamik ist aber noch nicht in Sicht. Die Aufträge aus dem Inland stiegen im Juni gegenüber dem Vormonat um 0,3 Prozent. Im Mai waren sie dagegen noch um 1,9 Prozent gefallen. Lüschow von der WestLB sieht allerdings Anlass zu "verhaltenem Optimismus" - denn die Auftragseingänge aus dem Inland waren in allen Bereichen höher als im Mai. Am größten war das Plus mit 0,6 Prozent bei den Investitionsgütern. Bei Vorleistungsgütern legten die Inlandsorders um 0,3 Prozent zu, bei Konsumgütern um 0,2 Prozent. "Im Inland zeichnet sich eine Stabilisierung der Nachfrage ab", so Lüschow.

Trotz der enttäuschenden Auftragseingänge rechnen die Ökonomen durch die Bank damit, dass die Industrieproduktion im Juni gestiegen ist. Nachdem der Output im Mai gegenüber dem Vormonat noch um 2,0 Prozentgeschrumpft war, erwarten die Volkswirte im Schnitt für Juni ein Plus von 1,5 Prozent. Scheuerle ist auch für die kommenden Monate zuversichtlich: Er rechnet mit einer "deutlichen Belebung im dritten Quartal". Zahlen zur Industrieproduktion im Juni veröffentlicht das Bundesfinanzministerium am heutigen Donnerstag.

Quelle:Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%