Innovative Kapitalsammelstellen strafen schlechte Management-Leistungen schonungslos ab
Hedge Funds mischen die Aktienbörsen auf

Bei der Suche nach Sündenböcken für die starken Kurseinbrüche verschiedener deutscher Aktien wurde der Markt zuletzt bei Hedge Funds fündig. Und in der Tat: Diese weitgehend unregulierten Kapitalsammelstellen sind als Auslöser für das Kursdebakel in Aktien wie Deutsche Telekom, MLP oder Infineon auszumachen.

FRANKFURT/M. An den heimischen Börsen und in den Führungsetagen deutscher Top-Unternehmen herrscht in diesen Tagen helle Aufregung. Starke Kurseinbrüche in bis noch vor kurzem als solide geltenden Standardwerten wie Deutsche Telekom, Infineon und MLP sorgen für zunehmende Nervosität. Verzweifelte Anleger suchen nach Gründen für den sich zuletzt beschleunigenden Kursverfall ihrer Aktien. Für die massiven Einbrüche in diesen einstigen Top-Werten der deutschen Wirtschaft werden von immer mehr Beobachtern inzwischen Hedge Funds verantwortlich gemacht.

Diese wenig regulierten und in ihrem Anlageverhalten oft nur geringen Beschränkungen unterliegenden Investmentgesellschaften können durch ihre vielfältigen Strategien sowohl an steigenden wie auch an fallenden Aktienkursen verdienen. Doch die mit dem Mythos des Erfolgs umgehenden Kapitalsammelstellen, deren Firmensitze aus steuerlichen Gründen in der Regel in den Steueroasen dieser Welt zu finden sind, zeigen im Prinzip lediglich Ineffizienzen an den Kapitalmärkten auf und nutzen diese zu ihrem eigenen Vorteil.

Die im angelsächsischen Raum seit langem stärker ausgeprägte Baisse-Spekulation bei Aktien hat mit der in Europa zunehmenden Zahl der Hedge Funds inzwischen auch am deutschen Markt an Bedeutung gewonnen. Experten sehen Hedge Funds nicht als "mysteriöse Finanzvehikel von einem anderen Stern". Oberste Priorität der neuen Vermögensklasse sei die Kapitalerhaltung, heißt es etwa im Hause der Deutschen Bank. Dies sei in der gegenwärtigen Börsenphase schon schwierig genug. Erst in zweiter Linie gehe es den Hedge Funds darum, Geld für ihre Anteilseigner zu verdienen.

Ein wesentlicher Nachteil dieser innovativen Investmentform ist deren fehlende Transparenz. Es gebe keinen Hedge-Fund von Bedeutung, der seine Transaktionen der breiten Öffentlichkeit offen lege, hieß es bei einer deutschen Großbank. "Hedge Fund-Manager scheuen das Rampenlicht", erklärte der Experte eines anderen heimischen Instituts.

Diese erst seit kurzem verstärkt an den deutsche Finanzmärkten aktiven Investmentvehikel hätten vor allem keinerlei Interesse daran, ihre Baisse-Positionen offen zu legen. Denn dann habe man zum einen sehr rasch das Management des betreffenden Unternehmens gegen sich. Zum anderen bestehe in diesem Fall die Gefahr eines "short-squeeze". Wenn für die Akteure am Aktienmarkt nämlich erkennbar werde, dass ein Hedge Fund in einer bestimmten Aktie größere Baisse-Positionen aufgebaut habe, könnten sie den Versuch starten, den Kurs der betreffenden Aktie durch Käufe nach oben zu treiben. Der Hedge Fund sei in diesem Fall gezwungen, seine Short-Positionen einzudecken, wolle er hohe Verluste vermeiden. Aus diesem Grund seien Hedge Funds nicht daran interessiert, die Öffentlichkeit über ihre Strategien und Transaktionen zu informieren. Man halte dies auch deshalb nicht für realisierbar und notwendig, weil die Anleger die in Hedge Funds eingesetzten Gelder in der Regel erst nach einigen Monaten zurückerhalten können.

Aus den geschilderten Gründen sei auch nicht mit endgültiger Sicherheit festzustellen, ob die jüngste Kurstalfahrt ausgewählter deutscher Standardwerte wirklich auf solche Baisse-Spekulationen der einst als "Superhirne der Börse" bezeichneten Hedge Funds zurückzuführen sei, hieß es bei der Deutschen Bank. "Unsere Branche ist als ein an Bedeutung gewinnendes Markt-Regulativ zu sehen, das schlechte Leistungen eines Managements schonungslos aufzeigt und über einen niedrigeren Aktienkurs abstraft", sagt Sy Schlüter, Manager des Copernicus Hedge Fund in Frankfurt.

Das globale Spektrum der Hedge Funds umfasst eine breite und bunte Palette unterschiedlicher Anlagestrategien und Märkte. Bei den hierzulande aktiven Hedge Funds handelt es sich im wesentlichen um sogenannte Long/Short Equity-Funds. Diese kaufen etwa als unterbewertet geltende Aktien und verkaufen zugleich als überbewertet angesehene Anteilsscheine.

Deutsche Telekom und MLP seien sowohl unter reinen Bewertungsaspekten wie auch unter markttechnischen Gesichtspunkten zuletzt Kandidaten für die Spekulation auf sinkende Kurse gewesen, erklärt Schlüter gegenüber dem Handelsblatt. "Wir werden vorerst weiter eher auf Baisse setzen", gibt er die generelle Richtung des Copernicus Hedge Funds für deutsche Aktien vor.

Bei der Infineon AG wurde die im Monat Juli angekündigte Kapitalerhöhung von zahlreichen Hedge Funds als eine Art Freibrief für den Aufbau von Short-Transaktionen betrachtet. "Nachdem als Folge der Kapitalerhöhungs-Ankündigung zunächst einige größere angelsächsische Hedge Funds in Infineon auf Baisse spekuliert hatten, erhielt die Talfahrt des Kurses durch die Aktivitäten von Trittbrettfahren eine zusätzliche Dynamik", erklärt ein Schweizer Hedge-Fund-Manager. Wer sich Eigenkapital über die Börse zu einem unter dem Marktpreis liegenden Kurs beschaffe, handele nicht besonders klug und fordere die Hedge Funds auf diese Weise praktisch zur Spekulation auf sinkende Kurse heraus, hagelte es in diesem Zusammenhang Kritik am Infineon-Management. Bei der Spekulation auf sinkende Kurse nutzen Hedge Funds zum einen das Instrument des Short-Sellings (Leerverkaufs).

Dabei werden Aktien veräußert, die sich der Verkäufer geliehen hat. Er setzt darauf, diese Werte zu einem späteren Zeitpunkt zu niedrigeren Kursen erwerben und die geliehenen Aktien wieder zurückgeben zu können. Darüber hinaus nutzen Hedge Funds bei der Spekulation auf sinkende Aktienkurse auch die Hebelwirkung von Derivaten (Optionen, Futures). Diese Strategien wurden zuletzt auch bei MLP, Telekom und Infineon eingesetzt.

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