Inside Wall Street
Besser als Euphorie: eine ruhige US-Rally

Immer mehr Käufer trauen sich in den Markt, doch haben Investoren zuletzt viel zu früh reagiert und viel zu oft überreagiert, als dass man sich nach ein paar guten Tagen gleich mit ganzer Kraft ins Geschehen stürzen wollte. - Eine Kolumne aus New York...

wsc NEW YORK. Man hat viel gelernt in einem zweijährigen Bärenmarkt, der vor allem in den vergangenen Monaten immer neue Skandale und Enttäuschungen hervorgebracht hat. So ist die Stimmung auf dem Parkett ruhig und gelassen - obwohl die großen US-Indizes in der vergangenen Woche eine Wende angedeutet haben und zum Wochenauftakt erneut mit 3,5 % im Plus stehen, ist von Euphorie nichts zu spüren.

Sicher, langsam trauen sich immer mehr Käufer in den Markt, doch haben Investoren zuletzt viel zu früh reagiert und viel zu oft überreagiert, als dass man sich nach ein paar guten Tagen gleich mit ganzer Kraft ins Geschehen stürzen wollte. So jubeln zunächst nur die Techniker, denn die sehen worauf sie lange gewartet hatten: eine Spitzkehre (zumindest im Dow) und darauf aufbauend weitere Gewinne. Sie schließen daraus, dass die Bären ihr Pulver verschossen und die Bullen übernommen haben.

Doch so leicht ist das nicht. Der Markt ist bereits so tief gefallen, dass er Konjunktur und Unternehmen bestimmt und damit den normalen Impulsweg umgedreht hat. Firmen haben Investitionen auf das nächste Jahr verschoben, Verbraucher haben Anschaffungen auf die lange Bank gesetzt - deshalb haben zahlreiche Unternehmen, von den Produzenten langlebiger Güter bis hin zu Chipausrüstern, ihre Aussichten für das nächste Quartal und das laufende Jahr zurückgefahren. Bruce Steinberg, Chef-Ökonom bei Merrill Lynch geht so weit, die Auswirkungen des Marktes auf das Bruttoinlandsprodukts zu beziffern. Er fährt seine Wachstumsprognose für die zweite Jahreshälfte von 2,4 % auf 3,5 % zurück.

Mit einer schnellen Erholung für Corporate America ist also nicht zu rechnen, und wie weit der Aktienmarkt die jüngsten Verluste wieder aufholt, ist absolut unklar. Denn nach wie vor stellt sich eine Grundfrage: Sind amerikanische Aktien überhaupt günstig bewertet? Richard Bernstein, US-Stratege bei Merrill Lynch, glaubt das nicht. "Die Unternehmensgewinne sind momentan so undurchsichtig und so wenig kalkulierbar wie seit 60 Jahren nicht mehr", stöhnt er. Doch auf diese allein komme es an, vielmehr als auf die ökonomischen Grunddaten zu Konjunktur und Zinspolitik.

In die gleiche Kerbe schlägt Ed Kerschner, Chef-Stratege der UBS Warburg. Auch er sagt, dass sich der Aktienmarkt erst nachhaltig erholen könne, "wenn die Unternehmensgewinne steigen und alle Skandale wirklich vom Tisch sind." Ein wenig Optimismus gibt Kerschner dem Investor zwar mit in die neue Woche, doch klingt der ein bisschen lasch und wenig fundiert. "Wir haben - zyklisch betrachtet - den attraktivsten Markt seit 1980."
Aus historischen Gründen kauft an der Wall Street aber längst niemand mehr.

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