Inside Wall Street - Die Börsenkolumne aus New York
Bush und die Konjunktur: Alte Hasen und neue Sorgen

Selten haben so viele Leute gleichzeitig angepackt, um die Konjunktur zu retten. US-Präsident George W. Bush besetzt alle wirtschaftlich wichtigen Positionen in seinem Team neu, die SEC-Spitze wird wieder besetzt, und ein paar Blocks weiter tagt die Notenbank über die richtige Fiskalpolitik und den Weg zu dem Wachstum, das sich Bush auf die Fahnen geschrieben hat.

NEW YORK. Doch das ist nicht der Grund, warum die Wall Street am Dienstag grüne Pfeile zeigt. Diese sind vielmehr als technische Reaktion auf die Kursverluste der vergangenen Tage zu sehen, die Aktien nach einer achtwöchigen Rally wieder unter Druck brachten. Und tatsächlich würden sich im Umfeld von Bush und nicht einmal Alan Greenspan allzu viele Gründe finden, Aktien zu kaufen.

Die Personalpolitik von George W. Bush wird weiter diskutiert - kritisch, wenngleich wohlwollend. Kritisch, weil Bush ein Team alter Männer um sich schart. Auch mit dem 71-jährigen William Donaldson hat er einen Hasen aus der Mottenkiste gezaubert statt aus dem Zylinder. Bush greift immer mehr auf die Verbindungen seines Vaters zurück, als dass er eigene Initiative zeigen und ein zur Zukunft gewandtes Team aufstellen würde.

Damit verpasst Bush natürlich die Gelegenheit, sich ein Regierungsprofil zu schaffen, das eine Wiederwahl erleichtern könnte. Doch um Bushs Chancen auf eine zweite Amtszeit geht es im Tagesgeschehen nicht - außer für den Präsidenten selbst, der vor allem aus Gründen des Machterhalts seinen Programmschwerpunkt immer mehr vom Krieg gegen Terror und Irak auf die Wirtschaft verlegt.

An der Entscheidung Bushs für Donaldson als Chef der US-Börsenaufsicht und Nachfolger des glücklosen Harvey Pitt ist an sich nichts auszusetzen. Donaldson ist eine anerkannte Größe an der Wall Street. Bereits 1959 gründete er die Investmentbank Donaldson Lufkin & Jenrette, die mittlerweile zum Finanz-Imperium der Credit Suisse gehört. Mitte der 70er Jahre arbeitete er im Außenministerium unter Präsident Gerald Ford, zuletzt war er CEO der New York Stock Exchange und dort Vorgänger von Richard Grasso.

Über seine beruflichen Qualifikationen hinaus verbindet Donaldson aber auch eine Menge mit der Familie Bush, vor allem mit dem ehemaligen Präsidenten George H.W. Bush. So war er früher einmal Klassenkamerad von dessen Bruder Jonathan. Seinen ersten Job an der Wall Street verschaffte ihm - noch eine Generation zurück - des alten Präsidenten Onkel Herbert Walker in dessen eigenem Brokerhaus. Donaldson ist ein alter Freund der Familie, da hilft man sich gerne.

Ob er der US-Wirtschaft noch einmal helfen kann, das muss sich zeigen. Es darf sogar bezweifelt werden, zumal sich für manche Beobachter bereits abzeichnet, dass die US-Konjunktur nur auf den rechten Weg zurück finden kann, wenn ein komplettes Umdenken in Washington stattfindet - im Weißen Haus und bei der Fed. Dr. Irwin Kellner, Professor für Volkswirtschaft an der New Yorker Hofstra Universität, nennt am Dienstag ein Wort, das für ihn die wahre Gefahr birgt: Inflation.

"Sie haben richtig gehört", bestätigt er dem Ungläubigen. "Ich rede von Inflation." Seine These belegt Kellner, indem er zu den Wurzeln der Preisfindung geht. Die Preise für Rohstoffe und Materialien, die am Anfang aller Produkte stehen, steigen sei Jahresbeginn stetig, nachdem sie vorher auf ein 16-Jahres-Tief gefallen waren. Allein in den vergangenen 30 Tagen sind die Preisindizes um 2,5 % gestiegen, was rein rechnerisch auf eine jährlich Rate von 30 % hinauslaufen würde.

Dass die Marktpreise für Produkte und Dienstleistungen seit vielen Jahren steigen - am stärksten in den Bereichen Wohnungsmarkt und Miete sowie im Gesundheitswesen - führt Kellner nur noch am Rande an.

Dass die Inflation zurzeit nicht wirklich feststellbar ist, liegt laut Kellner daran, dass Corporate America die Macht der Preisfindung abhanden gekommen ist. "Der Kunde kauft eben nichts, was nicht im Sonderangebot ist." Die Preisspirale wird künstlich angehalten - oder eben nur verzögert.

Im globalen Vergleich redet am Dienstagmorgen übrigens Morgan Stanley Kellner das Wort. Die Analysten sehen den Dollar immer stärker einbrechen, vor allem über die Irak-Krise hinaus. Die Unsicherheit in Nahost stütze nur kurzfristig die Währung, so die Experten. Im kommenden Jahr sei dann aber mit einem Wertverlust von 5 bis 10 % für die US-Währung zu rechnen. Das neue Team der Regierung Bush darf den Dollar nicht schwach reden, darf aber einem langsamen Abdriften auch nicht zu stark entgegenwirken.

Diesen Seiltanz werden nun mit William Donaldson, dem designierten Finanzminister John Snow und dem neuen Wirtschaftsberater Stephen Friedman eine Reihe betagter Herren vollführen. Kooperieren werden sie mit dem nicht wesentlich jüngeren Alan Greenspan, der angesichts der jüngsten Personalentscheidungen in Washington um seine Zukunft als Fed-Chairman sicher nicht bangen muss. Hoffentlich ist für alle Fälle ein Netz gespannt.

Wall Street Correspondents, Inc.

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