Inside Wall Street - Die Börsenkolumne aus New York
Corporate America und die drei großen „G“

Amerika schwankt zwischen drei großen "G" - und keiner weiß, welches denn jetzt das richtige ist. "Gesundheit", "Gewissen" oder doch einfach "Geld"? Alle sind ja irgendwie wichtig, und doch lassen sie sich kaum unter einen Hut bringen.

NEW YORK. Um die Gesundheit der Amerikaner, vor allem einiger naiver Raucher, geht es einigen Verbraucherschützern, die Philip Morris einen neuen Sticker auf die Schachteln drucken lassen. Auf den Päckchen von Medium-, Mild-, Light- oder Ultralight-Zigaretten findet der Raucher ab nächster Woche ein Briefchen, in dem ausnahmsweise kein Gewinnspiel (oh, schon wieder ein beliebtes "G") steckt, sondern die Warnung, dass die leichteren Kippen auf keinen Fall gesünder seien als die mit "full flavor", und dass sie auch das Aufhören nicht erleichtern. 130 Millionen Mal soll diese Info verteilt werden, nach Marktstudien dürften dann 86 % der Leichtraucher Bescheid wissen, und damit verantworten sie ihre Gesundheit wieder selbst.

Ob es den Verbraucherschützern wirklich um die Volksgesundheit geht, darf indes bezweifelt werden. Vor allem die Anwälte, die den Tabakfirmen Klage um Klage schicken, gehören zur gierigsten Spezies Mensch überhaupt, und ihre Existenz basiert allein auf einer in Einzelfällen völlig sinnbefreiten US-Justiz, die dem Durchschnittsamerikaner jede Reife und Verantwortung abspricht, die Schadensersatzforderungen in dreistelliger Milliardenhöhe ausspricht und Anwälten Fantasiegehälter beschert. Das "G" hinter dem Warnzettelchen dürfte also ein anderes sein: das Geld.

Szenenwechsel: Im Fernsehen flimmert eine Anzeige von Blue Stuff. Die Firma, deren Name auf deutsch schon ziemlich unklar "Blaues Zeug" heißt, bietet Gel auf der Basis von Emu-Öl an, das allerlei Schmerzen lindert. Lindern soll. Denn wer die teure Lotion aufträgt, der bemerkt üblicherweise keinen Unterschied zwischen vorher und nachher. Medizinisch ist die Wirkung des Gels überhaupt nicht bewiesen, ebenso wenig wie die eines Kräuterpflasters, von dem es in ganzseitigen Anzeigen heißt, es nehme der drei Kilo pro Woche ab, auf dem es klebt. Ohne Diät, ohne Sport, versteht sich.

Die Wettbewerbsbehörde FTC will nun bei diesem Schmuh nicht mehr zuschauen. Man hat an Fernsehsender und Verlage appelliert, solche Werbung nicht mehr zu schalten, und FTC-Chef Timothy Muris ist fest entschlossen, hart durchzugreifen. "Ich mach da ein ganz großes Ding draus", droht er und weist Kritiker in die Schranken, die auf das Recht auf freie Meinungsäußerung in der Verfassung verweisen. "Ich glaube nicht, dass es da ein Recht darauf gibt, falsche Anzeigen zu verbreiten." Muris appelliert an das eine "G", das Gewissen, - doch droht auch er letztlich mit dem anderen "G", mit Geld-Strafen.

Woanders spielen alle drei "G" mit. Denn nur noch um Geld geht es einigen Unternehmen, die offensichtlich längst kein Gewissen mehr haben, und um deren Gesundheit es wiederum so schlecht bestellt ist, dass man das den Aktionären gar nicht mehr sagen kann. Stichwort: Bilanzbetrug. Ein altes Thema wird am Mittwoch wieder aufgewärmt, weil gleich eine ganze Reihe von Unternehmen ins Visier von Behörden, Ermittlern und Anlegern geraten:

Da soll der Software-Programmierer Sieben wissentlich Aktienoptionen falsch verbucht haben, bei El Paso hat man sich auch nach der Enron-Krise auf völlig unhaltbare Energiedeals eingelassen, in die auch Morgan Stanley verstrickt sein soll, bei der zweitgrößten US-Werbeagentur Interpublic muss man die Bilanz neu berechnen, bei Lucent scheint der ehemalige CEO schon vor zwei Jahren gewusst zu haben, dass man sich bei einigen Telekomdeals am Rande der Legalität bewege, und ein Lichtblick im Wust der falschen Bilanzen kommt lediglich vom Billigflieger SkyWest: Dort hat man versehentlich zu wenig Gewinn ausgewiesen, das ist den Prüfern von KPMG aufgefallen. Die Bilanzen werden jetzt neu berechnet.

Glück - oh, schon wieder ein "G" - hat am Mittwoch der Anleger, der keines der genannten Papiere besitzt, denn sie alle handeln im roten Bereich. Weil ihnen Geld zu kurzfristig über alles andere ging, weil die Gier das Gewissen ersetzt hat und Gesundheit von innen kommt, nicht von einer wohlgemalten Maske.

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