Inside Wall Street - Die Börsenkolumne aus New York
Danke für alles was wir haben...

Dafür danken, dass sich Millionen von Anlegern von gierigen CEOs, blinden Kontrolleuren und falschen Analysten an der Nase herumführen lassen und ein Vermögen verloren haben? Sicher nicht - aber drehen wir den Spieß einmal um.

NEW YORK. Seit sieben Wochen klettern die US-Märkte eifrig, auf dem New Yorker Parkett hat die Stimmung gedreht. Zahlen gefällig? Der Dow Jones und der marktbreite S&P 500 haben seit den Tiefständen von Anfang Oktober um fast 20 % zugelegt, die gebeutelte Hightech-Börse Nasdaq hat sich um 31 % verbessert. Und auch der Blick über den zeitlichen Tellerrand sieht nicht allzu schlecht aus: Der Dow hat sich in den vergangenen drei Jahren um 2,7 % verbessert, auf Sicht von fünf Jahren um 11 % und seit 1992 sogar um 14,6 %. Damit fällt die langfristige Bilanz deutlich besser aus als die anderer Märkte. Japan schließt seit zwölf Jahren mit roten Zahlen, und der Dax liegt 20 % unter dem Stand von vor 5 Jahren.

Auch andere Statistiken zeigen den Amerikanern zum Fest, dass man doch noch wer ist. Das gemeinsame Einkommen von Jane und John Doe, wie das Ehepaar Normalverbraucher in Amerika heißt, beträgt mehr als 40 000 $ im Jahr - das ist nach Informationen der Weltbank viermal soviel wie im globalen Durchschnitt. Mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 74 Jahren tanzt der Amerikaner 15 Jahre länger auf dem Gesicht der Erde als der durchschnittliche Weltenbürger. Das Wirtschaftsinstitut World Markets Research Center will herausgefunden haben, dass die USA in der Liste der lebenswerten Länder auf Rang 17 steht, und die Experten vom Börsendienst CBS Marketwatch wissen sogar: "Wir haben die beste Gesundheitsvorsorge, die besten Krankenhäuser und unser Bildungswesen ist das beste der Welt."

Hört, hört! Und Amerikaner sind glücklicher und lächeln mehr als der Rest der Welt, sie sind größer und schöner, schlafen besser, tanzen besser Tango, haben buntere Farben, strammere Waden, schnellere Autos, sind der Nabel der Welt, das Zentrum aller Kultur, Herz und Mutter der Menschheit und sie Seele des Universums... vielleicht könnten die selbstverliebten Kritiker an dieser Stelle mal einen Gang zurückschalten.

Sicher, die USA sind die dominierende Weltmacht. Doch sollte die politische und wirtschaftliche Bedeutung auch vor dem Freudenfest Thanksgiving nicht den Blick für die Wahrheit verstellen, die nicht unbedingt und in jedem Detail der Bilderbuchwelt der CBS-Experten entspricht. "Menschen aus der ganzen Welt kommen nach Amerika, um unsere Universitäten zu besuchen", schreibt einer. Das ist richtig, hat aber nichts mit einem guten Bildungswesen per se zu tun. Die USA unterstützt eine Elite. Die Absolventen von Harvard, Yale und MIT gehören zu den smartesten Köpfen der Welt. Doch kommen auf jeden Studenten der noblen Ivy League Tausende von Kids, denen für eine angemessene Ausbildung das Geld fehlt.

Weiter sehen die CBS-Schreiber die Amerikaner an der Spitze der Altruismus-Charts. "In Sachen Wohlfahrt sind wir ganz vorne dabei", lobt man. Tatsächlich spendet nach einem Bericht der Washingtoner Forschungsgruppe Independent Sector fast jeder zweite Amerikaner Zeit oder Geld an wohltätige Organisationen, doch sollte man sich nicht allzu schnell den Heiligenschein aufsetzen. Wer als Papa das Baseball-Team des Nachwuchses coacht oder als Mutti Nachhilfestunden gibt, tut zwar etwas Gutes. Doch macht man vor allem international nicht wett, was man anderen Ländern nimmt. In der Dritten Welt sind die USA an wirtschaftlich lukrativen Projekten mehr interessiert als am Aufbau von Schulen und Krankenhäusern.

Und in Sachen Umweltschutz, einem Thema das mehr und mehr zur zentralen Frage einer sozialen und zukunftsorientierten Politik wird, sind die USA gemessen an ihrer Größe und monetären Macht nicht mehr als ein Entwicklungsland. In New York hat man vor einem halben Jahr das Recycling von Glas und Dosen per Gesetz gestoppt, dem Daimler-Chrysler-Chef Dieter Zetsche weht ein rauer Wind ins Gesicht, wenn er beim Innovationsforum nur das Wort "Diesel" ausspricht. Dem Amerikaner gefällt sein SUV, es darf auch gern ein "Hummer" sein mit 120-Liter-Tank und einem Verbrauch von 24 Litern auf 100 Kilometer.

Thanksgiving? - Klar, danke für alles was wir haben und vor allem dafür, dass wir uns nicht mit einem ökologischen oder sozialen Gewissen rumschlagen müssen. Allen Ernstes mahnt der CBS-Schreiber kurz vor dem Fest, dass es in den nächsten Jahrzehnten mit Blick auf die weitere Bevölkerungsexplosion vor allem auf das Vertrauen der Völker untereinander ankomme, und dass auch damit die Amerikaner gesegnet seien. "Völkerübergreifendes Vertrauen hat Amerikaner und Indianer im 17. Jahrhundert an einen Tisch gebracht", schreibt er. Wie weit die Indianer von den Verhandlungen mit den Besatzern profitiert haben ist bekannt.

Dennoch sieht man auch in Zukunft Handlungsbedarf. "Wir müssen mehr tun als Brot brechen", so CBS. Bis zum Jahre 2050 rechnet die Weltbank mit einem Bruttosozialprodukt von weltweit 140 Bill. Dollar - das ist fünfmal mehr als heute. Die USA will ihren Anteil halten und man hat den Trend erkannt. "Grundbedürfnisse erkennen", will der CBS-Autor, zum Beispiel den gigantischen Energiebedarf, den bis zu 10 Milliarden Menschen haben werden. Wie will man den decken? Die USA blockiert seit Jahren umweltfreundliche Technologien, stattdessen will man in Naturschutzgebieten in Alaska nach Öl bohren. "Danke", sagt Präsident Bush wohl am Feiertag. "Danke, dass wir zunächst einmal genügend Öl haben."

Es wäre schön, wenn "Thanks" auch nur ein kleines bisschen mit "think" zu tun hätte, und wenn mancher über dem Truthahn zum Nachdenken käme. Wenn sich CBS-Kommentatoren, Politiker und andere Lenker in den USA ernsthaft und langfristig mit globalen Problemen und Strategien auseinandersetzen würden, anstatt sich am Donnerstag für den Status Quo zu bedanken. Aber das ist natürlich viel einfacher. Happy Thanksgiving.

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