Inside Wall Street - Die Börsenkolumne aus New York
Der Schneesturm und die Konjunktur

New York schippt und schaufelt. Seit am späten Sonntagabend die ersten Schneeflocken fielen, haben zahlreiche Truckfahrer an der Ostküste nicht mehr geschlafen.

NEW YORK. Sie steuern Schneepflüge durch Städte und Dörfer, durch den Central Park und über die Autobahn. Das ganze kostet eine Menge Geld, und so ist die Weiße Pracht aus ökonomischer Sicht eine mittlere Katastrophe.

Dabei sind die Opfer des Schneesturms nicht einmal da zu suchen, wo am lautesten geschrieen wird. Überall klagen Einzelhändler über dramatische Gewinneinbrüche. Die gab es wirklich, und tatsächlich ist ein Unwetter umso bitterer, wenn es ausgerechnet an einem der wichtigsten Einkauf-Feiertage der Nation kommt. Doch sind sich Analysten am Dienstagmorgen einig: Die meisten Einzelhändler werden ihre Verluste bis in wenigen Monaten wett gemacht haben.

"Wer am Wochenende eine Waschmaschine kaufen wollte, der kauft diese eben nächste Woche", meint Richard P. Clinch, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Baltimore. Damit hat er wohl recht. Mehrere Analysten weisen darauf hin, dass sich die Umsätze von President?s Day wohl höchstens verschieben dürften. Beim letzten Schneesturm in 1996 hatte der Einzelhandel nach Berechnungen der Branche in weniger als drei Monaten wieder aufgeholt. Das Unwetter war abgehakt.

Für die Kommunen dürfte das indes nicht so leicht sein. In Städten und Bundesstaaten sind die Budgets knapp wie lange nicht mehr, und der Schneesturm kostet Millionen. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg beziffert die Kosten der Aufräumarbeiten mit 20 Mio. $, das ist 1 Mio. $ pro Inch (2,54 cm) Schneehöhe.

Mit Kosten zwischen 20 und 30 Mio. $ rechnet auch Robert Ehrlich, Gouverneur von Maryland, dessen Budget für Straßen- und Aufräumarbeiten in diesem Winter sowieso schon um 14 Mio. $ überschritten war. Ehrlich weiß noch nicht, wie er sein riesiges Haushaltsloch stopfen soll.

Ein erster Schritt dürfte sein, dass geplante Anschaffungen weiter aufgeschoben werden. Das gilt für den Bundesstaat Maryland ebenso wie für die Stadt New York, für andere Kommunen und schließlich auch für den Otto Normal-Schneeschipper. Wer sich gerade eine Schneefräse gekauft hat, um den Hof nicht mehr mühsam und unter Kreuzschmerzen freischaufeln zu müssen - in den USA haben viele Hausbesitzer einen Sprit betriebenen Gehilfen -, der wird andere Anschaffungen erst einmal ein wenig aufschieben müssen.

Das wiederum kommt die Konjunktur teuer zu stehen. Die US-Industrie lahmt ohnehin, Investitionen sind schwach wie lange nicht mehr. Doch in ihnen liegt der Schlüssel zur Trendwende, die von Anlegern herbeigesehnt, von Kriegsangst, hoher Arbeitslosigkeit und nun auch noch vom Wetter allerdings in immer weitere Ferne geschoben wird.

Dass der Schneesturm ausgerechnet am President?s Day kam, kommt der Industrie indes gelegen - so sehr der Einzelhandel jammert. Denn die meisten Betriebe, eigentlich alle außer dem Einzelhandel, waren am Montag anlässlich des Feiertags ohnehin geschlossen. Produktionsausfälle gab es entsprechend keine.

Die wären indes immens gewesen. In den USA ist es üblich, dass bei schlechter Witterung - es muss kein Schneesturm sein, auch einfaches Glatteis auf den Straßen genügt - ganze Werke einfach zu machen. Das kann die Produktionsstätten von General Motors ebenso treffen wie die Zentrale des Pharmazeuten Merck. Schuld daran ist die in den Staaten ebenso typische wie eigenwillige Verteilung von Schuld und Verantwortung. Wenn einer auf dem Weg in die Firma verunfallt, dann haftet der Arbeitgeber. Der meidet ein solches Risiko an besonders harten Tagen natürlich und verbucht lieber den kalkulierbaren Verlust eines Arbeitstages.

Ganz verlustfrei geht die Industrie indes nicht durch den Schneesturm. Denn das Aufräumen dauert eine Weile, und nicht jeder Arbeitsgeber weiß, wo jeder Angestellte wohnt. Mancher wird sich darauf berufen, dass die Straße noch nicht frei oder das Auto unter Schneebergen von alpinem Ausmaß verschüttet sei - und einfach blau machen.

Analysten gehen davon aus, dass aber angesichts eines schwachen und hart umkämpften Arbeitsmarktes weniger Arbeitsnehmer als sonst auf eine solche Finte verfallen. Doch eine Umfrage des Internet-Anbieters AOL am Dienstagmorgen zeigt, dass eine solche Tendenz doch existiert. Auf die Frage, was am Schnee denn das Schönste sei, antworten 48 % der Befragten: "..., dass ich nicht zur Arbeit gehen muss. Weitere 36 % finden die Weiße Pracht an sich schön, und 14 % freuen sich darüber, im Schnee zu spielen.

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