INSIDE WALL STREET - Die Börsenkolumne aus New York
Die Herbstblase der Hightechs platzt

Pünktlich zu Beginn des vierten Quartals starteten die Hightechs in eine zweimonatige Rally, die manchem Wert der gebeutelten Branche Kursgewinne von über 100 % und der Nasdaq ein Plus von immerhin 32 % bescherten. Da rieb sich mancher die Hände und hoffte auf ein Revival der Computeraktien. Doch nun kommt Michael Kelly, und er hat schlechte Nachrichten.

NEW YORK. Michael Kelly ist CEO von Techtel, einer eher unter Insidern bekannten Marktforschungsgruppe aus Kalifornien, die seit 18 Jahren die Nachfrage- und Investitionsvolumen auf dem amerikanischen Markt untersucht. Aus dem neuen Techtel-Bericht liest Kelly Erschütterndes. Im dritten Quartal sei bei den Unternehmen der Wille zu investieren so stark gefallen wie seit Anfang 2000 nicht mehr - damals begann der Einbruch der Hightech-Aktien, platzte die Blase, verloren Investoren Billionen. Ein solches Szenario könnte sich wieder abzeichnen, meint Kelly. Ausgerechnet jetzt, wo man sich schon auf eine Erholung gefreut hatte.

Kelly ist sich sicher, dass der dramatische Einbruch in der Investmentbereitschaft der Unternehmen die Umsätze und Ergebnisse zumindest in den ersten beiden Quartalen 2003 stark beeinflussen wird. Ebenso wie er die kurzfristige Erholung im Oktober und November begleitet hatte - davor war der Techtel-Index drei Monate in Folge gestiegen. Kellys Zahlen gelten als zuverlässig, sie werden unter mehr als 500 Unternehmen ermittelt.

Was die IT-Entscheidungsträger bei den Unternehmen beunruhigt, ist eine Vielzahl von Gründen: Die Krise im Irak gehört ebenso dazu wie die Angst vor einer Rezession danach, mit der das Szenario der frühen Neunzigerjahre reflektiert würde, als auch dem Golfkrieg eine Rezession folgte.

Die Hightech-Firmen bemühen sich seit einiger Zeit nach Kräften darum, die Nachfrage wieder anzufachen. Wo ein Fünkchen glimmt, fächeln IBM und Hewlett-Packard Sonderfinanzierungen zu, geben Extras und lassen neue Service-Pakete zusammenstellen, von denen Unternehmenskunden bislang nur träumen konnten. Allein, das dicke Plus im Service kann das Misstrauen der Kunden in eine Erholung und ihr Zaudern in Sachen Investition nicht wett machen.

Michael Kelly hofft unterdessen, dass die Investmentflaute nur Sache eines einzigen Quartals ist. Das wäre freilich schon schlimm genug, denn eine Erholung der ehemaligen Wachstumswerte wäre auf Ende 2003 verschoben. Dabei hatte am Tiefpunkt der Branche eine Erholung erstmals für Mitte 2002 eingeplant. Weit gefehlt, sagt der Klügere - hinterher.

Sein Optimismus ist Kelly bereits hoch anzurechnen, denn es gibt noch pessimistischere Stimmen. Bereits zum Wochenstart legte Merrill Lynch eine Studie vor, nach der die gesamten IT-Investitionen in 2003 gegenüber dem Vorjahr ein Plus von nur noch 1 % aufweisen sollen. Zuvor hatte man noch ein Plus von 3 % ermittelt. Laut Merrill Lynch haben mehr als die Hälfte der US-Unternehmen ihre Etats für 2003 dicht gemacht, und zwei Drittel wollen demnach ihre Investitionen erneut herunterfahren, um Kosten den weiter sinkenden Einnahmen anzupassen.

Nach der jüngsten Merrill Lynch-Studie soll der Bereich der Speicherchips noch einigermaßen ungeschoren davonkommen, auch IT-Services und Server könnten sich am ehesten stabil halten. In den Bereichen Software und PCs dürften die Investitionen deutlicher zurück gehen, und am schlimmsten dürfte es erneut die Netzwerker treffen.

Apropos PC: Mancher dieser Apparate steht ja nicht auf einem Bürotisch, sondern zuhause in Wohn- und Spiel- und Arbeitszimmern. Manche Geräte sollen auch in Küchen gesichtet worden sein. Der Sektor Konsumelektronik hält sich wohl etwas besser als der Rest der Branche, gerade im Dezember dürften auch wieder einige Laptops, PDAs und ähnliche Artikel Abnehmer finden. Allein, das Weihnachtsgeschäft, das Jahr für Jahr die Umsätze der Konsumelektroniker aufpoliert, wird die Branche nicht retten können. Der Weihnachtsmann kommt eben nur einmal, und er beschenkt auch keine Unternehmen.

In deren Chefetagen weiß man längst um die dramatischen Entwicklungen, und Vorstände ziehen die Konsequenz: Sie verkaufen Aktien. Im November ist das Verkaufsvolumen von Hightech-Insidern um 250 % gegenüber dem Vormonat gestiegen. Branchenkenner haben Papiere im Wert von 861 Mio. $ abgestoßen, wie Thomson Financial ermittelt hat. "Wir haben eine kleine Erholung am Aktienmarkt gesehen, und da haben Insider Gewinne mitgenommen", heißt es.

Damit wäre die Herbstrally erklärt - sie war eine Ausgeburt der guten Laune, der keine fundamentalen Verbesserungen zugrunde lag. Die Nasdaq wird ihr aktuelles Niveau nicht halten können und muss sich mindestens über das erste Quartal, wahrscheinlich darüber hinaus, auf neue Verluste einstellen.

Wall Street Correspondents, Inc.

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