Inside Wall Street - Die Börsenkolumne aus New York
Die neue Irak-Frage: Was kostet kein Krieg?

Auch wer seit Jahren im Ausland sitzt und dort Politik und Wirtschaft beobachtet, vergisst die Heimat nicht. Und so sorgt der Bericht des Bundesrechnungshofes am Dienstag auch in New Yorker Redaktionsstuben für Unmut. Da werden Millionen verloren und Milliarden verpulvert als wüsste man zur Zeit ohnehin nicht wohin mit der ganzen Kohle. Viel haben die Kritiker in diesem Jahr dem Militär anzukreiden, und um selbiges - wenngleich das amerikanische - spinnen sich auch auf dem New Yorker Parkett mal wieder die Gedanken.

Seit Monaten hat die Sorge um einen eventuellen Krieg gegen den Irak die Märkte im Griff. Auf den Fernsehern über dem Parkett werden Krisensitzungen der Vereinten Nationen übertragen, jeder Rede von Präsident George W. Bush lauscht man als könnte er ein Geheimrezept zur Rettung der Konjunktur präsentieren. Die US-Börsen reagieren auf Veränderungen im geopolitischen Umfeld mehr als auf Unternehmensdaten. In der vergangenen Woche brachen die Kurse ein, als das irakische Parlament gegen die UN-Resolution und den Besuch von Waffeninspekteuren im Land stimmte. Einen Tag später zogen die Kurse an, weil Außenminister Naji Saberi Ahmed dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, doch das offizielle Einlenken von Saddam Hussein übermittelt hatte.

Mittlerweile sind die UN-Inspekteure um Hans Blix im Irak an der Arbeit, und in den USA stellt man sich mit Blick auf Konjunktur und Börsen eine neue Frage: Was passiert eigentlich, wenn es keinen Krieg gibt? Die Wall Street hat doch größtenteils einen militärischen Schlag gegen die Wüstendiktatur eingepreist. Streng genommen seien die USA bereits mitten im Krieg mit dem Irak, wenn man sich die Bewertung der Aktien gegenüber einigen Fundamentaldaten aus Unternehmen und Konjunktur ansehe, meint Dr. Irwin Kellner, Professor für Volkswirtschaft an der New Yorker Hofstra-University.

In der Tat haben zahlreiche Unternehmen große Investitionen und geplante Projekte mit Blick auf einen drohenden Krieg verschoben, und auch der Verbraucher gibt sich vorsichtig. Niedrige Ausgaben, die Unlust vor Flugreisen und teuren Anschaffungen, das alles deutet darauf hin, dass der Konsument abwartet. Wenn CEOs und Analysten über schwache IT-Investitionen und schwache PC-Umsätze klagen, dann liegt das nicht nur an den schwindenden Unternehmensgewinnen, sondern auch zu einem gewissen Teil an der Angst, in einen Krieg und damit in unsichere Zeiten zu investieren.

Nur einen Sektor hat Kellner auf den US-Märkten ausgemacht, der einen Krieg nicht eingepreist hat: Öl. Statt zu steigen, wie der Rohstoffpreis das angesichts der Gefahr einer kriegsbedingten Knappheit eigentlich tun müsste, fällt er immer weiter. Notierten die Öl-Futures vor kurzem noch auf 31 $ pro Fass, so zahlt man zur Zeit zwischen 26 $ auf das Ende der Woche oder langfristig 23 $ für Lieferung im Dezember 2003. Ganz offensichtlich rechnen Ölproduzenten und-Käufer nicht mit einem Krieg, der die Lieferungen beschneidet? Was weiß der Ölmarkt, was andere Anleger nicht wissen? Ist ein Krieg gar nicht mehr so unvermeidbar?

Menge Gründe gegen einen Irak-Krieg

Experten sehen eine ganze Menge Gründe, die gegen einen Irak-Krieg sprechen und die Wahrscheinlichkeit eines Militärschlages drücken. Zum einen hat sich die Regierung um den Diktator Saddam Hussein zuletzt kooperativ gezeigt. Nachdem man zwei Tage vor Ablauf der UN-Frist die Resolution der Vereinten Nationen angenommen hatte, drängten sich Spekulationen geradezu auf, der Irak führe die Welt nur an der Nase herum. Doch bislang ist man bei der Entscheidung geblieben und hat Blix ins Land gelassen.

Vielleicht hat Saddam Hussein die Übermacht der Amerikaner und der Verbündeten erkannt und will einen Krieg vermeiden, den er über kurz oder lang hätte verlieren müssen. Vielleicht sieht er aber auch nur eine große Zukunft für sein von Sanktionen gebeuteltes Land. Kapituliert er gegenüber der UNO, und stimmt er einem Abbau der Massenvernichtungswaffen zu, dann stehen die Chancen gut, dass die UNO die Sanktionen aufheben, die das Land seit Jahren vom Außenhandel mit vielen der wichtigsten Ländern der Erde abschneiden.

Auch könnte sich der Irak vor dem Hintergrund eines stabilen Friedens wieder verstärkt der Förderung von Öl widmen. Genau dieses Szenario hat der Rohstoffmarkt eingepreist. Öl aus dem Irak könnten die aktuellen Fördermengen deutlich erhöhen, und damit würde der Preis pro Barrel wieder fallen. Auf unter 20 $, meint Kellner.

Zu früh freuen sollte man sich indes nicht. Auch wenn Saddam Hussein einem Krieg ausweicht, ist der kein friedfertiger Mann. Kurzfristige Interessen für sein Land dürften ihm über internationale Aussöhnung gehen. Und mit dem Geld aus Außenhandel und Öl könnte der Diktator über die nächsten Jahre problemlos seine Waffenarsenale wieder füllen. Damit bleibt das Risiko auf einen Krieg bestehen - es rückt aber in die ferne Zukunft und aus dem Blickfeld des Marktes.

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