INSIDE WALL STREET- Die Börsenkolumne aus New York -
Die Wall Street, die U-Bahn und ein Millionen-Problem

Die Wall Street hat ein Problem. Nicht Kursverluste machen den Händlern zu schaffen, nicht die undurchsichtigen Konjunkturdaten - die U-Bahn ist?s, um die man sich sorgt. Denn die soll ab nächster Woche nicht mehr fahren, und so kämen Hunderttausende nicht nach Downtown Manhattan, wo das Herz der Finanzwelt schlägt.

Worum geht?s? 34 000 Angestellte (Ticketverkäufer, Zugführer und-Begleiter und das Verwaltungspersonal) wollen mehr Geld. Um jeweils 8 % sollen die Gehälter in den nächsten drei Jahren angehoben werden, so die ursprüngliche Forderung der Gewerkschaft. Bis Freitagmittag hatte man die Forderung auf ein Plus von jeweils 6 % zurück geschraubt.

Doch die MTA ist pleite - sagt sie jedenfalls. Dem zur Stadt gehörenden Unternehmen, das noch in 2001 einen Gewinn von 300 Mill. $ ausweisen konnte, droht angeblich ein Minus von bis zu 1 Mill. $. Man plant bereits seit sechs Monaten eine Fahrpreiserhöhung auf 2 $. Zur Zeit fahren New Yorker in Bussen und Bahnen für 1,50 $. Jedenfalls sollten sie das, und genau in der preislichen Diskrepanz zwischen dem eigentlichen Preis für den Token und dem tatsächlichen Preis, den die New Yorker durch geschicktes Nutzen von Zehnerkarten und übertragbaren Monatsfahrscheinen auf durchschnittlich 1,04 $ gedrückt haben, liegt das Problem.

Die MTA, so begründet das Management die angespannte finanzielle Lage, befördert zwar deutlich mehr Passagiere als früher - in 2002 zählt man 2,1 Mrd. Fahrten, in 1996 waren es noch 1,6 Mrd. -, doch zahlen die nicht nur im Schnitt weniger, sondern schlagen zusätzlich auf die Betriebskosten. Um dem Ansturm gerecht zu werden, habe der Verkehrsbetrieb neue Wagen kaufen, weitere Mitarbeiter einstellen und Bahnhöfe umbauen müssen, die Kosten seien explodiert.

Dass sich New Yorker Busse und Bahnen effektiver einsetzen ließen, und dass die MTA unter alltäglich im Nahverkehr genervten New Yorkern als schlecht gemanagt gilt, ist indes ein Ärgernis im Zusammenhang mit dem Streik und der Gehaltsforderung der Angestellten, doch dürften solche Hintergründe die Wall Street kalt lassen

.

Auf dem Parkett macht man sich vielmehr Sorgen darüber, wie man denn am Montag und in den Tagen danach zur Arbeit kommen könne. Nicht jeder New Yorker hat ein Auto, kaum ein Banker wohnt so nahe am Arbeitsplatz, dass er einfach ins Office laufen könne. Im Gegenteil: Viele wohnen weit in den Außenbezirken oder sogar in den Nachbarstaaten New Jersey und Connecticut. Die nicht mit U-Bahn und Bus in den Financial District kommen, sind auf ein Auto angewiesen, und auch das ab Montag darf laut Bürgermeister Bloombergs Streik-Strategie nicht in und aus der Stadt fahren, solange nicht mindestens vier Leute drin sitzen.

Die meisten Firmen an der Wall Street rechnen am Freitagmittag mit dem Schlimmsten - doch sind sie gefasst. Schließlich ist man auch einiges gewohnt. Nach den Terror-Attacken des 11. September waren weite Teile von Downtown Manhattan über Tage und Woche nicht zugänglich, die meisten großen Firmen konnten ihr Alltagsgeschäft dennoch bewältigen. Einige zogen aus der Stadt, andere bauten sich im Umland zumindest ein Ersatz-Headquarter, das im Krisenfall genutzt werden kann.

Der Informations-Dienstleister Multex.com hat Teile seiner Zentrale auf Long Island, etwa 20 Kilometer außerhalb Manhattans, nach dem 1. September den Angestellten zahlreicher Unternehmen zur Verfügung gestellt - die wollen jetzt wieder kommen und haben sich zum Teil schon eingemietet. "Es wird schwierig werden und voll", sagt ein Sprecher, "aber wir werden das schon hinkriegen."

Die beiden größten US-Banken JP Morgan und Citigroup setzen Shuttle-Busse ein, die Angestellte an verschiedenen Ecken der Stadt aufsammeln und ins Büro bringen. Das selbe Konzept haben Goldman Sachs und die New York Mercantile Exchange, die Warenterminbörse. Viele greifen zudem auf einen Trick zurück, der mit der weiteren Ausbreitung von Highspeed-Internet und anderer schneller Netzwerke immer wichtiger werden dürfte. Sie e-pendeln, auf englisch: "They telecommute."

E-pendeln heißt nichts anderes, als dass der Angestellte am Computer zu Hause sitzt und sich mit Software-Applikationen wie GoToMyPc oder über die DSL-Leitungen von Anbietern wie SBC Communications oder Verizon an seinem Schreibtisch einloggt. "Es gibt eigentlich nur wenige Jobs, für die man wirklich vor Ort sein muss", meint Gil Gordon, ein Unternehmensberater aus New Jersey, der sich auf Infrastruktur für E-Pendler spezialisiert hat. "Ein Doktor muss persönlich in der Praxis sein, ein Hot Dog-Verkäufer oder ein Pilot - alles andere lässt sich über Telefon und Computer regeln."

Die Finanzwelt sowieso. Sicher, ausgerechnet auf dem Parkett der New Yorker Börse hängt man noch am Konzept des Parketthandels, doch es geht im Prinzip auch ohne. Über den Brettern, die zumindest für Finanzjunkies die Welt bedeuten, hängen tonnenschwere Mega-Rechner, die nicht nur Datenfluten intern bewältigen, sondern die Aufträge aus aller Welt annehmen und umsetzen.

So dürfte die Weltwirtschaft den Streik in New York wohl doch nur aus den Medien erfahren, betroffen wird man außerhalb der Stadt wohl kaum. Für die Stadt selbst hat die MTA-Krise indes dramatische finanzielle Folgen. Bürgermeister Bloomberg hat den Schaden für die Stadt auf zwischen 100 und 350 Mill. $ pro Tag beziffert, manche Andere Experten halten diese Schätzung noch für untertrieben. Bereits 1980 hatte ein elftägiger Streik die Stadt täglich 100 Mill. $ gekostet, und damals war der Arbeitskampf nicht in das Weihnachtsgeschäft gefallen und hatte auch keine ohnehin gebeutelte Konjunktur erwischt.

So brisant ein Streik im New Yorker Nahverkehr wäre - oder gerade deshalb! - wird man wohl erst am Sonntag um Mitternacht erfahren, ob es zu einem Arbeitskampf kommt und 7 Millionen Fahrgäste umdisponieren müssen. Bis dahin zerbricht man sich in Büros und Banken die Köpfe - und einmal nicht über die Wirtschaft.

Wall Street Correspondents, Inc.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%