Inside Wall Street - Die Börsenkolumne aus New York
Die Wall Street hat ein Problem: George W. Kursrutsch

Seit zwei Wochen ist sein Name untrennbar mit dramatischen Kursverlusten verbunden, dabei ist er weder CEO noch Analyst noch Bilanzprüfer - er ist Präsident der USA. Wann immer George W. Bush den Mund aufmacht, stürzen die Kurse an der Wall Street ins Bodenlose, und auf dem Parkett wünscht man sich mittlerweile, dass der Oberste Feldherr im Kampf gegen das Böse und für mehr Vertrauen einfach mal den Mund halten würde.

Als Bush vor zwei Wochen direkt an der Wall Street zu Gast war und vor Ort eine Grundsatzrede zur Vertrauenskrise in Corporate America hielt, wurden seine warmen Worte vom Markt bereits ignoriert. Außer der Bildung einer "Corporate Fraud Task Force" als Sondereinsatzgruppe gegen Bilanzbetrüger härterer Strafen hatte der Präsident nämlich wenig Konkretes zu bieten - einen Steinwurf entfernt auf dem Börsenparkett wurde hektisch verkauft. Eine Woche wiederholte sich das Szenario: Bush sprach vor Unternehmern in Alabama und versprach, dass "aus dem Übel eine neue, starke Wirtschaft erwächst". Er verriet aber nicht, wie und wann Phoenix aus der Asche steigen solle - und wieder ging die Börse in den freien Fall.

Deja vu am Montag: Bush spricht in Illinois und der Markt stürzt. Ein Zufall ist das nicht - im Gegenteil. Bushs Themenwahl und Politik sind wieder einmal eher unglücklich. Bush will Vertrauen, während er selbst und sein Vizepräsident Dick Cheney im trüben Sumpf ihrer Vergangenheit waten und sich für Insidergeschäfte (Bush) und geschönte Bilanzen (Cheney) verantworten müssen. Bush fordert härteres Durchgreifen, ist aber nicht bereit, den umstrittenen und selbst in den eigenen Reihen als zu lasch kritisierten Harvey Pitt an der Spitze der Börsenaufsicht SEC abzulösen.

Und was er an Markteinsicht zu bieten hat, wird auf dem Parkett ebenfalls nur mit einem Lächeln quittiert. "Soweit ich höre, steigen die Unternehmensgewinne wieder. Das wird denen zugute kommen, die jetzt investieren." - Zwei Punkte spricht Bush hier an, und beide will man so nicht stehen lassen.

Erstens: Steigenden Unternehmensgewinnen in manchen Branchen stehen nach wie vor enttäuschende Zahlen bei den High Techs und im Airline-Bereich gegenüber. Zweitens: Muss man deshalb gleich kaufen? - Ganz und gar nicht. Denn an der Wall Street gelten andere Gesetze als noch vor ein paar Jahren. Da hatte man gesagt: "Wenn du die Aktie bei 50 $ gut fandest, dann musst du sie bei 40 $ lieben." Heute wird anders bewertet. Sicher, die Aktien sind billiger als vor zwei Wochen, Monaten, Jahren - doch heißt das nicht, dass sie nicht noch viel weiter fallen könnten. Und es heißt schon gar nicht, dass sie auf absehbare Zeit wieder steigen. Und nur bei sichtbarem Aufwärtspotential lohnt sich ein Investment.

Dieses Aufwärtspotential sehen indes nur wenige. Die unermüdlich bullische Abby Joseph Cohen, zum Beispiel, die mal wieder einen Boden sieht. Doch beeinflusst sie Markt nicht mehr wirklich - man hört nicht mehr auf Analysten, die in "Halten" und "Kaufen" Zungenbrecher sehen und die über Wochen eine Wende prognostizieren, während Dow und Nasdaq immer weitere Schallmauern durchbrechen.

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