Inside Wall Street - Die Börsenkolumne aus New York: Inflation – eine Gefahr in weiter Ferne?

Inside Wall Street - Die Börsenkolumne aus New York
Inflation – eine Gefahr in weiter Ferne?

Mit Blick auf die US-Konjunkturdaten fällt am Donnerstag ein Wort, das man gemeinhin nicht gerne hört: Inflation.

NEW YORK. Die Erzeugerpreise sind in den USA im Januar um 1,6 % gestiegen, und damit zeigen sie sich so inflationär wie seit 13 Jahren nicht mehr. Doch steht die Konjunktur wirklich vor einem neuen Problem?

Die US-Börsen halten sich am Donnerstag einigermaßen stabil, vor allem vor dem Hintergrund einer 300-Punkte-Rallye, die den Dow zuletzt wieder in Sphären gedrückt hat, wo ihn kaum ein Experte auf dem Parkett hinschreiben würde. Allgemein beurteilt man die Gefahr einer Inflation als nicht besonders groß, abgesehen davon sagen Experten, dass ein wenig Inflation angesichts der schwachen Konjunktur und im aktuellen Umfeld gar nicht so schlecht wäre.

Bei der Banc of America sieht man das so, und auch Mark Vitner, Chef-Volkswirt bei Wachovia Securities, hat seinen Tradern am Morgen klar gemacht, dass sie nach den aktuellen Zahlen nicht zum Verkaufssturm blasen sollen. "Es ist doch nicht so, dass jetzt ein Eimer kalten Wassers über unsern Kopf geschüttet wird, der alle Deflationssorgen abwäscht und uns das Märchen vom Inflations-Butzemann erzählt", meint Vitner figurativ.

Andere dürften die Zahl von Donnerstagmorgen nicht einfach so beiseite wischen. Vor allem Notenbank-Chef Alan Greenspan dürfte sich die Augen gerieben und sich seiner Worte von vergangener Woche erinnert haben, als er vor dem Kongress noch deutlich machte, dass es überhaupt keine Anhaltspunkte gäbe, aus denen sich Inflationssorgen ableiten ließen. "Wir beobachten eine breite Auswahl von Konjunkturbarometern", erklärte Greenspan in Washington, "und alles deutet auf eine sehr geringe Inflation und auf keine Besorgnis erregende Beschleunigung hin."

Nun muss die Fed vielleicht noch einmal genauer hinsehen und erneut abwägen: Haben es die USA mit dem Beginn einer Inflation zu tun, oder nicht? Und wie würde sich dies auf die künftige Zinspolitik auswirken? - Genau in dieser Frage gerät die Notenbank in eine Zwickmühle. Um eine richtige Inflation zu vermeiden, muss das Gremium früher oder später die Zinsen anheben.

Denn nur so kann der Druck, die Geldmenge zu erhöhen abgebaut werden, der durch die enorme Aufnahme von Fremdkapital nicht zuletzt auf Seiten der Staaten und Kommunen entsteht, die riesige Schuldenberge finanzieren müssen.

Allerdings kann die Fed die Zinsen zumindest auf absehbare Zeit nicht einfach erhöhen - selbst Sätze, die man im allgemeinen als "normal" bezeichnen würde, scheinen Lichtjahre entfernt. Grund hierfür ist wiederum der hohe Verschuldungsgrad überall in Amerika. Nicht nur die staatlichen Stellen schieben Defizite vor sich her, auch Corporate America und Otto Normalverbraucher sind hoch verschuldet. Der amerikanische Durchschnittshaushalt hat zur Zeit mehr Schulden als der Durchschnittsarbeiter im Jahr verdient. Vor 10 Jahren war die Relation von Schulden und Jahreseinkommen noch 85 %, vor 20 Jahren lag sie bei 65 %. Dass der Verbraucher unter der Last dieses Schuldenbergs nicht zusammenbricht, liegt allein an den niedrigen Zinssätzen: 14 % des verfügbaren Einkommens gehen zur Zeit für Schuldentilgung drauf - ebenso viel wie in früheren Jahren als die Schulden kleiner, die Zinsen aber höher waren.

Auf absehbare Zeit sind der Fed in ihrer Zinspolitik also die Hände gebunden. Die Zinsen werden niedrig bleiben, und das Risiko einer Inflation steht zwar nicht unmittelbar bevor, darf aber nicht totgeschwiegen werden. Greenspan und Kollegen werden ihre Konjunkturbarometer wohl noch einmal genauer unter die Lupe nehmen, offizielle Verlautbarungen über die Einschätzung der Währungshüter und deren Politik gibt es erst wieder im März.

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