Inside Wall Street - Die Börsenkolumne aus New York
Kino und Börse: Gerührt, Geschüttelt, Verhext

Meine Freundin und ich hatten uns gerade vom kleinen Harry Potter verhexen lassen - der erste Film war deutlich besser, aber ich bin ja kein Filmkritiker -, und wir kamen die Treppe in dem New Yorker Multiplex herunter in eine Lobby, in der kein Durchkommen mehr war. Da standen Hunderte und warteten auf James Bond.

Der Spion im Geheimdienst ihrer Majestät sollte an diesem Tag schon zum x-ten Mal auf die Leinwand, und doch wurden die Schlangen vor dem Eingang nur länger und länger. Nach drei Tagen hatten dann 47 Millionen Amerikaner "Die Another Day" gesehen, und damit hatte der Superagent den Zauberlehrling von der Spitze der Kino-Charts verdrängt, hatte Aston Martin gegen den Nimbus 2000 gesiegt, Technik über Magie, Martini über Quidditch - und Metro-Goldwyn-Mayer über AOL Time Warner.

Doch fällt der Sieg so eindeutig aus? Nein, sagt die Börse, denn da steht die Aktie des Entertainmentriesen AOL mit einem Plus von 2 % etwas besser da als das Papier von MGM, das trotz Bond ins Minus rutscht. MGM sagt man nach, der Bond-Titel sei Programm: "Stirb an einem anderen Tag", das gelte auch für den gebeutelten Konzern, dessen Aktie in den vergangenen 12 Monaten etwa 20 % an Wert verloren hat. (AOL hat zwar im selben Zeitraum ganze 60 % verloren, allerdings kommt die Schwäche der Aktie aus dem lahmenden Online-Geschäft, während die Filmsparte Warner Bros. Wachstum und Gewinne ausweist.)

Auch zeigt ein Blick auf die Kino-Charts am Montag nur die halbe Wahrheit. Sicher, James Bond hat am Eröffnungswochenende 47 Millionen in die Kinos gezogen, und damit war es der erfolgreichste Einsatz des Agenten seit dem Vorgänger "The World is not Enough", den am Eröffnungswochenende vor zwei Jahren 35,5 Millionen sehen wollten.

Doch kann der kleine Magier von der Zauberschule Hogwarts ganz andere Zahlen vorweisen, die Bond-Fans am Montagmorgen wohl ein wenig verdrängt haben. Am Potter-Eröffnungswochenende, eine Woche vor Bond, zog der Magier immerhin 87,7 Millionen in die Kinos. Damit steht Harry Potter auf Rang Drei der ewigen Bestenliste, hinter Spider Man und - richtig! - Harry Potter, Teil 1.

Überhaupt ist Harry Potters Rekordliste lang. Zwei Filme unter den besten drei in bezug auf das Eröffnungswochenende, das ist schon magisch. Star Wars, Jurassic Park und Titanic folgen unter ferner liefen. Auch öffnete der Film auf 8515 Leinwänden, was ebenfalls ein Rekord ist, und dass die Fortsetzung so dicht an den Einspielergebnissen des ersten Films liegt, kommt selbst für Optimisten unerwartet, denn das schaffen die so genannten Sequels sonst nie.

Außerdem müssen sich James Bond und die rekordseligen Leute bei MGM sagen lassen, das über Sieg und Niederlage nicht auf den ersten Metern entschieden wird. "The World is not Enough", der bislang erfolgreichste Film der 20-teiligen Reihe, hat mittlerweile das dreifache seines Eröffnungswochenendes eingespielt, und damit steht er unter Spiderman und Harry Potter, die es fast auf das Vierfache bringen. Das ist indes noch immer nicht rekordverdächtig. Zum Vergleich: Titanic spielte an den ersten drei Tagen läppische 28 Mio. $ ein und steht mit einem Gesamtergebnis von mittlerweile 600 Mio. $ heute unangefochten an der Spitze der Blockbuster.

James Bond könnte - für Action-Filme nicht untypisch - als Eintagsfliege enden und irgendwann in der Mottenkiste der Explosionsfilmchen verschwinden. Zumal auch Fans nach dem ersten Wochenende nicht restlos begeistert sind. Für viele hat Bond an Reiz verloren. In einer Umfrage von AOL ziehen 60 % der User den alten "Goldfinger" den neuen Streifen vor. Viele ärgern sich darüber, dass die Bond-Macher mit Halle Berry eine etablierte Oscar-Schauspielerin zum Bond-Girl befördert haben und nicht einmal mehr an Originalschauplätzen drehen. Beides tut echten Fans in der Seele weh. Auch kommt Pierce Brosnan in Umfragen deutlich schlechter weg als der alte Sean Connery und das aggressive Product Placement vergrault alte Fans genau so.

Vielleicht ist die Zeit von James Bond wirklich bald abgelaufen. Der Superagent rettet die Welt schon seit 40 Jahren - die Bücher mitgerechnet sind es schon fast 50 Jahre -, doch die Zukunft gehört anderen. Harry Potter ist sicher nicht legitimer Nachfolger von 007, und er dürfte auch nicht in den Dienst Ihrer Majestät berufen werden. Doch zumindest die Kinokassen gehören ihm. Und ein anderer steht bereits in den Startlöchern, um sich am Vorweihnachtsgeschäft zu beteiligen: Der Herr der Ringe. Den schickt erneut AOL Time Warner ins Rennen, und so steht der Gewinner trotz eines Teilsieges für James Bond an diesem Wochenende fest.

Persönlich halte ich James Bond dennoch die Treue. Heute Abend werde ich mir "Die Another Day" anschauen - da werden die Schlangen schon viel kürzer sein. Ich werde nicht einmal reservieren müssen.

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