Inside Wall Street - die Börsenkolumne aus New York: Kolumne: Die Wall Street reflektiert Hoffnung und Wahrheit

Inside Wall Street - die Börsenkolumne aus New York
Kolumne: Die Wall Street reflektiert Hoffnung und Wahrheit

In zwanzig Minuten am Freitagvormittag ist an der Wall Street mehr passiert als in der ganzen Woche zuvor - wenngleich Stunden später wieder alles vergessen scheint. Während Hans Blix, der Chef der UN-Waffeninspekteure, vor dem UN-Sicherheitsrat sprach, jagte der Dow Jones um 130 Punkte in die Höhe. Die Wall Street hat ihre Meinung gegenüber einem Irak-Krieg geändert und das am Freitag deutlich gemacht.

Der rasante Kurssprung sagt eines ganz laut: Die Wall Street will keinen Krieg. Diese Haltung ist neu, jetzt aber nicht mehr von der Hand zu weisen. Grund für den Sinneswandel - bisher hatte man geglaubt, ein rascher und erfolgreicher Militärschlag gegen den Irak könne die geopolitische Unsicherheit beiseite wischen, unter der die Börse leidet -, ist die Terrorangst, die sich seit dieser Woche in den USA breit macht und die in den Überlegungen der Anleger eine unerwartet große Rolle spielt.

Seit einer Woche steht das Land auf der zweithöchsten Sicherheitsstufe. In New York patrouillieren Polizisten mit Maschinengewehren. Bombenalarm legten binnen dreier Tage die Golden Gate Bridge in San Francisco, die Whitehead Brücke in New York und den Brooklyn Battery Tunnel nahe der Wall Street lahm. Alarmierende Schlagzeilen warnen vor drohenden Attentaten mit B- und C-Waffen. In Hamsterkäufen decken sich Kunden mit Folie und Klebeband ein, um ihre Häuser versiegeln zu können, in den meisten Läden sind die Gasmasken ausverkauft.

Der Faktor Terror und Angst war bislang unterbewertet worden. Erst seit einigen Tagen sieht man wieder die Gefahr, dass mit einem Krieg auch Anschläge wieder kommen könnten, nicht zuletzt weil entsprechende Drohungen von Osama bin Laden bekannt wurden, und weil nun die Warnungen derer erinnert werden, die in einem Krieg die Stärkung der arabischen und islamischen Allianz sehen. Der Gedanke an Terroranschläge ist der Gedanke an den 11. September. Ein solches Ereignis würde das Land und die Börse stärker belasten, als sie ein Krieg stützen könnte. Fazit: Die Wall Street sieht, dass Frieden im Moment doch besser ist als Krieg.

Und Hans Blix hat einen Krieg zunächst aus der allernächsten Nähe gerückt. Mit seinen Kommentaren, dass man keine Massenvernichtungswaffen gefunden habe und dass es auch keine Beweise für die Existenz solcher Waffen gebe, hat er vor allem eine Botschaft ausgesandt: Es gibt zurzeit keinen Grund, in den Irak einzumarschieren.

Entsprechend mürrisch blickte übrigens US-Außenminister Colin Powell drein. Dem gefiel die Rede von Blix natürlich nicht, und das machte er eine Stunde später klar, als die Reihe an ihm war. Er forderte die Bündnispartner mit Nachdruck auf, an der Resolution festzuhalten, die einen Militärschlag fordere für den Fall, dass der Irak nicht abrüste - ein Szenario, dass Powell für einen Fakt hält unabhängig von den Erklärungen der Waffeninspekteure.

Schon vor Powells Ausführungen hatten andere Experten der US-Regierung ihre Meinung kund getan. "Ich glaube den UN-Inspekteuren nicht", meint kühl Rick Francona, Lt. General der US Air Force und Geheimdienst-Insider. "Der Irak hat Massenvernichtungswaffen und er entwickelt sie auch nach wie vor."

Genauso überzeugt gab sich wenig später Präsident Bush in einer Rede vor dem FBI, die er weitgehend grinsend vortrug, und in der er erneut immense Gefahr betonte, die von Saddam Hussein ausgehe. Zitierwürdig war die Rede nicht, zumal sich Bush auf die Floskeln der letzten Tage und Wochen beschränkte.

Auch zahlreiche Medien haben Objektivität und Pflicht zur Recherche abgelegt und sind zu Populismus übergegangen. Sie kämpfen ihren eigenen Krieg gegen den gesunden Menschenverstand und gegen den Willen zum Frieden, wie ihn die Mehrzahl der Länder im Sicherheitsrat gerne durchsetzen würde. Die New York Post macht am Freitag mit einem Foto auf, auf dem der deutsche Außenminister und Präsident des Sicherheitsrates, Joschka Fischer, und sein französischer Amtskollege Dominique de Villepin mit aufmontierten Wieselköpfen im Diplomatenrund sitzen. Die Botschaft: Die Feiglinge bekommen heute neue Beweise gegen den Irak.

Ein Moderator im US-Börsensender CNBC beschimpfte die Franzosen derweil als "Käse fressende Affen", und es ist ebenso klar wie erschreckend, dass sich die Presse weitgehend kritikfrei hinter die Regierung stellt. Dabei zeigt man einerseits Fotos voller Pathos, wie das Bild eines amerikanischen Soldatenfriedhofs mit der an Frankreich gerichteten Zeile "Wir haben euch vor Hitler gerettet - Wo seid ihr jetzt?" Dabei blendet man andererseits die Gegenstimmen aus dem eigenen Land komplett aus. Amerikanische Kriegsgegner wie Noam Chomsky oder andere Intellektuelle finden in der breiten Öffentlichkeit kein Gehör.

Die Entscheidung zum Krieg ist im Weißen Haus und im Pentagon gefallen, dem Volk wird sie nun eifrig verkauft. Während einer deutlichen Rede von Hans Blix ließ sich die Wall Street offensichtlich vormachen, dass es doch noch einen Ausweg gäbe, dass Inspekteure weiterarbeiten könnten und Kriegsangst und Terror für einige Zeit aus dem Marktalltag gedrängt werden könnten. Man hat sich getäuscht.

Die zwanzig Minuten am Freitagvormittag, in denen Hans Blix die Wall Street antrieb, waren voller Hoffnung. Die Stunden danach, in der die Börsen ihre Gewinne wieder abgaben, waren voller Wahrheit - über Amerika und über die unglaubliche Arroganz einer Supermacht, sich über die Vereinten Nationen, ihre Alliierten und einen großen Teil des eigenen Volkes hinweg zu setzen, und einen zumindest zum aktuellen Zeitpunkt unnötigen Krieg zu beginnen.

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