Inside Wall Street - die Börsenkolumne aus New York
Kolumne: Es trifft den Anleger-Nerv

Am Mittwoch zeichnet es sich immer deutlicher ab: Der Wall Street drohen erneut düstere Zeiten. Den Handel dominieren nicht Unternehmensmeldungen und nicht Konjunkturdaten, aber auch nicht die Irak-Krise. Seit Wochenbeginn macht sich wieder verstärkt die Angst vor Terrorangriffen breit.

Angefangen hat alles am Wochenende, als die Regierung die Alarmstufe für das ganze Land auf "Orange" und damit auf das zweithöchste Level angehoben hatte. Am Montagmorgen sahen Banker und Broker auf dem Weg zur Arbeit wieder Polizisten mit Maschinengewehren im Financial District patroullieren. Am Dienstag suchte die Polizei in San Francisco in einem Großeinsatz die Umgebung der Golden Gate Bridge ab, nachdem dort im düsteren Morgennebel ein mysteriöser Mann im Tauchanzug beobachtet worden war, in dem man einen möglichen Attentäter sah. Am Mittwochmorgen sperrte die New Yorker Polizei die Whitestone Bridge, eine der wichtigsten Verkehrsbrücken, nachdem man einen verdächtigen Lastwagen angehalten hatte.

Im Financial District rund um die Wall Street ist bislang nichts passiert. An der Golden Gate Bridge ist die Lage sicher, der Mann im Taucheranzug war wohl nur ein Schwimmer beim Frühsport. Der Verkehr auf der Whitestone Bridge rollt wieder, die Behörden meldeten einen Fehlalarm, und der Lastwagen wird seine völlig unproblematische Ladung wohl irgendwo gelöscht haben. Die Verunsicherung, die Angst der Amerikaner bleibt - und die wird immer stärker.

Fast die Hälfte der Amerikaner (48 %) fühlen sich ganz aktuell bedroht, Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden, zwei Drittel der Amerikaner (66 %) fürchten, dass es in naher Zukunft Anschläge auf die USA geben wird. Das hat das Meinungsforschungsinstitut Gallup am Vormittag bekannt gegeben. Zuletzt war die Angst der Amerikaner in den Monaten unmittelbar nach den Anschlägen auf World Trade Center und Pentagon so hoch.

Überraschend ist, dass 82 % der Befragten darauf vertrauen, dass die Regierung in Sachen Terrorbekämpfung den richtigen Weg geht. Dabei gibt es laute Kritik, und nicht wenige befürchten - im In- und Ausland -, dass die Gefahr und die Zahl der Terrorangriffe mit einem Irakkrieg eher zunimmt als abnimmt. Nie wurde das deutlicher als am Dienstagnachmittag, als sich Top-Terrorist Osama bin Laden über das afghanische Netzwerk al-Jazeera an seine Jünger wandte und zum vereinten Kampf gegen Amerika und die Allianz aufrief. Selbstmord-Attentate seien willkommen, Morde auch in US-freundlichen arabischen Ländern erlaubt. Das macht Angst, und dass die Börse diese Angst ebenso spürt wie der kleine Mann auf der Straße und in der U-Bahn, ist nur logisch.

Auf dem Parkett wird das bestätigt. Die allgemeinen geopolitischen Sorgen seien weiter im Markt, meint Andy Brooks, Vizepräsident vom Brokerhaus T. Rowe Price, "aber die Terrorangst dominiert die Börse deutlich. Der Markt orientiert sich sehr dicht an den aktuellen Schlagzeilen."

Diese Nervosität kennen Anleger zuletzt aus den Wochen und Monaten, als Amerika in Anthrax-Angst war und ein kleines Kuvert mit weißem Staub die Märkte dreistellig ins Minus schicken konnte. Angesichts eines immer näher rückenden Krieges, angesichts der großen Wahrscheinlichkeit, dass Terroristen Anschläge auf die USA verüben könnten - der CIA warnt vor allem mit Blick auf die zur Zeit laufende Pilgerwoche der Moslems in die heiligen Stätten nach Mekka -, dürfte der Markt in den nächsten Tagen und Wochen noch wesentlich empfindlicher werden.

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