Inside Wall Street - Die Börsenkolumne aus New York
Kolumne: „Tag der Wahrheit“ bringt keinen Vertrauensschub

Ein Blick auf die Tages-Charts der großen US-Indizes zeigt einen unruhigen und uneinheitlichen Markt. Doch hat der überhaupt nichts zu tun mit dem eigentlichen Thema des Tages. Denn was die Frist für CEOs und CFOs angeht, ihre Bilanzen zu unterschreiben, geht alles einen ruhigen Gang. Zertifikat um Zertifikat trudelt bei der SEC ein, zur Mittagsstunde haben 555 Vorstände ihren Eid geleistet.

wsc NEW YORK. Von den 947 Unternehmen, die der neuen - nicht unumstrittenen - Richtlinie der Börsenaufsicht nachkommen müssen, mussten sich nun doch nur 702 den 14. August im Kalender rot ankreuzen. Das sind die Firmen, die nach dem Kalenderjahr bilanzieren. Unternehmen mit eigenem Fiskaljahr bekommen individuell Aufschub.

Dass die Märkte auf die SEC-Frist nicht eingehen, ist nicht überraschend. Und dass Investoren nicht freudig Aktien kaufen, nur weil der Vorstand erklärt, dass man in den vergangenen sechs Quartalen nicht Millionen erfunden und falsch bilanziert habe, das ist eigentlich nachvollziehbar - schließlich war man bisher beim größten Teil der Unternehmen davon ausgegangen.

Weniger klar - und ein weiterer Grund für die mangelnde Euphorie am "Tag der Wahrheit" - ist, wie zuverlässig die Statements der Vorstandsvorsitzenden sind. Für Kritiker gibt es zwei Ansatzpunkte. Einer setzt voraus, dass der Vorstand ehrlich ist. Über den sagt Investment-Guru Richard Band: "Die meisten CEOs werden die Bilanzen unterschreiben und vor allem eines tun, nämlich Daumen drücken. Denn in einem großen Konzern ist es für den Chef völlig unmöglich, die Bücher bis ins Detail zu durchschauen."

Und auch für den anderen, den "bösen" CEO sieht Band ein Hintertürchen. "Für jeden offenen und illegalen Betrug gibt es mindestens ein Dutzend Fälle, in denen der Investor mit völlig legalen Tricks an der Nase herumgeführt und um sein Geld gebracht wird." Eine Welle neuen Vertrauens sieht Band jedenfalls nicht über den Markt schwappen.

Während sich Anleger und Analysten über Vertrauen auslassen, melden sich weitere Kritiker zu Wort, die Börsenaufsicht und Zertifizierungs-Pflicht in einem juristischen schwarzen Loch sehen. Der Grund: Während ein erst kürzlich von Präsident Bush unterschriebenes Gesetz CEO und CFO für künftige Abschlüsse persönlich zur Verantwortung zieht, handelt die SEC rückwirkend - und das ist nicht legal. Die Börsenaufsicht behilft sich eines Tricks, um den Vorständen die Unterschrift abzunötigen. Man hat kurzerhand Ermittlungsverfahren gegen die betroffenen 974 Unternehmen eingeleitet - im laufenden Verfahren können Unterschriften rückwirkend eingefordert werden.

"Die Leute bei der SEC hätten nicht einmal Zeit gehabt, 947 Plastikmappen mit den Unternehmensnamen zu beschriften", höhnt der kalifornische Wirtschaftsanwalt William Sherman gegen diese Scheinverfahren. Er nennt das Vorgehen der SEC einen klaren Verfassungsbruch. "Die SEC manövriert sich um geltende Gesetze und um die eigenen Vorschriften herum."

Sherman will gegen die Börsenaufsicht klagen. Allein, es fehlen die Kläger - und das ist eher ein Glaubwürdigkeits- als ein legales Problem. Kein Vorstand traut sich in einer so heiklen Vertrauenskrise gegen die einzig zuständige Kontroll-Instanz vorzugehen. Man will ja keinen noch so unbegründeten Verdacht auf die eigene Firma lenken.

So tun CEOs und CFOs das einzig Richtige: Sie unterschreiben ihre Zertifikate und reihen sich in die Liste derer ein, die für optimistische Beobachter erst einmal aus dem Schneider ist. Und auch die Wall Street tut das einzig Richtige: gar nichts. Die Aktien der Unternehmen, die ihre Bilanzen bereits bestätigten erfahren im Mittwochshandel dadurch keinen Auftrieb.

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