INSIDE WALL STREET - Die Börsenkolumne aus New York
Konjunkturdaten verwirren mehr als sie erklären

Art Cashin bringt es wieder einmal auf den Punkt. "Der Markt weiß nicht, wohin es geht, und es scheint ja, als wüsste auch die Notenbank nicht, was sie machen soll." Sogar der Parkettchef der UBS Paine Webber, der nie um eine Erklärung zum Marktgeschehen verlegen ist, kann die aktuelle Lage an der Wall Street nicht einordnen.

NEW YORK. Drei Tage lang sah es so aus, als treibe die Wall Street auf einem nachrichtenfreien Tümpel umher und warte nur auf die Konjunkturdaten, die am Donnerstagmorgen dann endlich kamen. Anleger positionierten sich, wechselten die Lager, reagierten in einem zögerlichen Markt auf die Parkett-Stimmungen, und jeder Tag war irgendwie eine Reaktion auf den Tag zuvor. Doch nun sind die Nachrichten da, und wieder weiß niemand, wie sie einzuordnen sind.

Die Analysten an der Wall Street hatten im Vorfeld damit gerechnet, dass die Einzelhandelsumsätze im November um 0,4 % gestiegen wären - genau so war es. Und ein Plus von 0,4 % gegenüber dem Vormonat ist eine ansehnliche Steigerung, die stärkste seit drei Monaten. Doch zwischen den Zeilen liest sich der Bericht nicht so optimistisch wie er am Morgen zeitweise gehandelt wird:

Stark sind nach wie vor die Umsätze rund ums Haus. Niedrige Zinsen, Amerika baut... diese Geschichte kennt man nun. Neue Häuser müssen möbliert, Grundstücke geschmückt werden. Möbelhändler verzeichneten im November ein Umsatzplus von 2,3 %, Baumaterialien und Gartenbedarf stiegen um 1,2 % - und alle anderen Sektoren gingen zurück. Umsätze in Warenhäusern um 1,4 % (mit der Ausnahme von billigen Discountern, die zulegten). Die Modeketten blieben um 1,3 % hinter den Vergleichszahlen, in den Bereichen Bücher, Musik, Sport und Hobby gingen die Umsätze um 0,5 % zurück.

Stark wiederum waren die Umsätze bei Konsumartikeln - das ist aber an sich keine gute Meldung, da der Sektor nicht ohne Grund als krisenfest eingestuft wird. Auch in der Krise führt schließlich an Seife, Windeln, Taschentüchern kein Weg vorbei. Auch essen muss der Ami - er tut das aber immer mehr zuhause und spart sich das Geld fürs Restaurant. Umsätze in Supermärkten legten um 0,9 % zu, Umsätze in Restaurants um magere 0,3 %.

Im Wirtschaftsministerium ist man angesichts des Einzelhandelsberichts dennoch guter Dinge. Minister Don Evans sagt zuversichtlich: "Die Trends sind gut", und er nennt die Einzelhandelsumsätze "Amerikas Geschenk an sich selbst". Denn ein starker Einzelhandel schaffe Jobs und kurbele die Konjunktur an. Dies an sich stimmt zwar - immerhin macht der Einzelhandel zwei Drittel des Bruttoinlandsproduktes aus -, doch hält sich das Schenken doch in Grenzen, und Evans ist am Donnerstag nicht mehr als ein Schönredner, ein Euphemist.

Ein ehrlicheres Bild zeichnet hingegen der Arbeitsmarktbericht. Die Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung sind in der vergangenen Woche dramatisch gestiegen, und nun scheinen auch saisonale Schwankungen spürbar. Vor der Weihnachtssaison haben Unternehmen noch einmal Arbeitsplätze geschaffen, die Zahl der Erwerbslosen niedrig gehalten. Jetzt sitzen die Saisonarbeiter wieder auf der Straße, und ein Faktor kommt hinzu, der bisher in der Rechnung der Konjunkturbeobachter nie auftauchte: Viele Arbeitslose haben sich nicht arbeitslos gemeldet - im Glauben, schnell wieder eine Stelle zu finden. Vor Weihnachten fehlt es ihnen aber an Geld und an Zuversicht. Sie halten die Hand auf.

Analysten äußern sich am Donnerstag nicht zum Arbeitsmarktbericht. Sie sehen diesen Hintergrund, wollen aber abwarten, ob die Zahlen der nächsten Woche die Theorie bestätigen. Entsprechend reagiert der Markt auch nicht auf die Zahlen.

Der richtungslose Handel der amerikanischen Indizes, die zur Mittagsstunde ins Minus gerutscht sind, zeigt, dass Anleger mit den jüngsten Zahlen nicht umgehen können. Sprechen sie von einer Erholung oder zeichnet sich ein Anhalten der Flaute ab? Optimistisch stimmen die Daten nicht. Und so dürfte der Markt auch zum Wochenschluss Schwierigkeiten haben, aus Verbrauchervertrauen und Produzentenpreisen Rückschlüsse auf Wohl und Weh des Marktes zu ziehen.

Wall Street Correspondents, Inc.

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