Inside Wall Street - Die Börsenkolumne aus New York
Maulkorb: Prudential schießt ein Eigentor

NEW YORK. In meinem Email-Eingang liegt heute morgen eine Nachricht weniger. Goldman Sachs hat das Research geschickt, von Merrill Lynch sind ein paar Hightech-Expertisen gekommen, Bear Stearns und die UBS Warburg berichten über ihre Meetings, da ist die Citigroup, ABN Amro... aha, Prudential Securities fehlt. Zum ersten Mal, und von jetzt an immer.

Was steckt dahinter? - Bei Prudential will man die werten Analysen künftig nicht mehr Otto Normalanleger zugänglich machen, sondern nur noch zahlenden Kunden. Ist es die nackte Not, die Prudential zu diesem Schritt treibt, nachdem das Haus seit kurzem Verluste einfährt? Oder ist es eine Schutzmaßnahme, weil man auch bei optimistischen Prognosen nicht in einem Atemzug genannt werden möchte mit Firmen, deren Research noch eng mit dem Investmentbanking verknüpft ist? Oder ist es einfach ein trotziger Gegenschlag, nachdem die Medien in den vergangenen Monaten Analysten immer wieder einmal kritisiert hatten statt ihnen zu huldigen?

Was auch immer hinter dem Maulkorb steckt - Prudential tut das nicht gut. Zum einen ist die neue Vorgehensweise am Freitag Thema auf dem Parkett, wo man über die Abschottung schimpft. Und auf dass es auch jeder mitbekommt, nehmen die Kommentatoren im US-Börsenfernsehen kein Blatt vor den Mund. "Glaubt ihr, Euer Research wäre so wertvoll, dass jetzt jeder dafür zahlen muss", ärgert sich CNBC-Mann Joe Kernen. "Glaubt ihr, wir könnten das hier nicht selber machen?" Kernen wirft eine Münze. "Kopf, das heißt Kaufen", kommentiert er, "und bei Zahl sagen wir halt verkaufen. Mehr steckt ja doch nicht dahinter."

Kernens Kommentar sitzt. Tatsächlich haben sich viele Analysten an der Wall Street in letzter Zeit nicht mit Ruhm bekleckert. Der Telekombetrüger Jack Grubman von Salomon Smith Barney, der das WorldCom-Desaster vertuscht und die AT&T-Bewertung geschönt haben soll, ist nur ein Extrembeispiel für das unsaubere Treiben der Zunft. Auch Ermittlungen gegen den Internetpapst Henry Blodget von Merrill Lynch oder dessen Branchenkollegin und "Queen of the Net" Mary Meeker von Morgan Stanley sind nur schlagzeilenträchtige Einzelfälle. Die wahre Problematik geht viel tiefer.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen haben sich Analysten meist den Unternehmensprognosen angeschlossen und ihre Bewertung dann von willkürlichen Kurzielen abhängig gemacht. Eine Zeit lang lief das Spiel etwa so: Intel senkt die Gewinnprognosen von 1,34 $ auf 1,26 $, und einen Tag später senken vier Analystenhäuser übereinstimmend ihre Erwartungen auf eine Spanne von 1,33 $ bis 1,35 $ - ganz als hätten sie eben mal die Bilanzen geprüft, mit Lieferanten und Kunden gesprochen und eine Marktumfrage gemacht. Der Unmut von SEC, Medien und Anlegern auf die Analysten war berechtigt.

Prudential unterdessen hat bislang eine Sonderrolle gespielt. Als eines von wenigen Häusern hat man sich bereits vor zwei Jahren vom Investmentbanking getrennt, weshalb man seine Analysen "unvoreingenommen und objektiv" nannte. Diese scharfe Trennung von Banking und Analyse wird an der Wall Street immer wichtiger, und klug wäre es gewesen, wenn Prudential auf eigene Vorteile gegenüber Konkurrenzbanken hingewiesen hätte, anstatt der Öffentlichkeit einfach den Rücken zu drehen.

Wenn Prudential nun aber gegen die Medien schlägt und seinen Analysten verbietet, weiter mit Journalisten zu sprechen, dann wirft das ein schlechtes Licht auf das Unternehmen. Fühlt man sich kontrolliert? Will man von nun an doch lieber im stillen Kämmerlein arbeiten und kompliziertes Research nicht den lästigen Fragen einer breiten Öffentlichkeit aussetzen? Und ist das nicht ein Schritt in die falsche Richtung. Zumindest eines sollten neben Unternehmern und Bilanzprüfern doch gerade die Analysten gelernt haben: Offenheit ist, was der Markt braucht.

Bei Prudential wehrt man sich am Freitagmorgen gegen die Unterstellung, man habe eine Entscheidung gegen die Medien getroffen. Der Maulkorb gelte "nur für die Analysten, die sich mit einzelnen Aktien oder Sektoren beschäftigen", erklärt Research-Chef Steve Buell. "Marktstrategen, Volkswirte und die politischen Kommentatoren werden ihre Ansichten weiterhin mit den Medien teilen." Das ist sicher nett, doch will niemand auf halbe Sachen eingehen. Der eine darf was sagen, der andere nicht? Einer prognostiziert eine konjunkturelle Erholung, und der Analyst von General Electric, Alcoa und Wal-Mart kann nicht kommentieren? Das macht Meinungen nicht glaubwürdiger, und dürfte Prudential Minuspunkte bringen - bei den Medien und allen Anlegern, die sich teure Beratung nicht leisten könne und wollen.

Prudential hat am Freitag ein Eigentor geschossen.

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