Inside Wall Street - Die Börsenkolumne aus New York
Nobel-Forscher: Die Börse, ein irrationales Phänomen

Was ist der Markt? Warum kauft der eine gierig und ohne Maß - warum verschleudert der andere seine Aktien kaum fünf Minuten später? Startet die Wall Street im Oktober die große Bärenjagd? Wer hat das Heft in der Hand? Und macht das alles überhaupt Sinn?

Der Wissenschaftler sitzt in einem stickigen Zimmer, und immer wenn er eine tolle Idee hat oder ein Experiment versteckte Pfade frei schlägt und Neues über den Gang der Welt offenbart, dann schreibt er einen Artikel für ein bedeutendes Magazin, oder er kleistert das Internet zu mit seinen Erkenntnissen. Ein Foto legt er nicht bei, denn er hat vor lauter Forschen schon seit drei Tagen nicht geduscht, und die Haare sind ungünstig. So gibt es von den großen Denkern also kaum Bilder, und der amerikanische Börsensender CNBC muss ein sehr altes Filmchen abspulen, um den Volkswirt Vernon L. Smith vorzustellen, der gerade für seine Arbeit über die Psychologie des Marktes den Wirtschaftsnobelpreis bekommen hat.

Smith sieht aus, als hätte er den letzten Bus aus Woodstock verpasst und wäre dann eben in der alten Hippie-Kommune kleben geblieben. Er steht an einem Podest in irgendeiner amerikanischen Universität und spricht zu Studenten - schwer zu sagen, wann das war. Später im Live-Interview ist Smith jedenfalls viele Jahre älter, hat das lange Haar gestutzt und Bartstoppeln im Gesicht. Er sitzt in der Bibliothek irgendeiner amerikanischen Universität und spricht zu Millionen von Zuschauern.

Die sollen erfahren, dass der Markt nicht nur Psychologie ist, sondern reichlich irrational dazu. Und wer das im größten Bärenmarkt seit den Dreißigerjahren selbst schon gedacht hat, der bekommt nun eine wissenschaftliche Begründung geliefert. Doch diese ist sehr kompliziert, und manchmal reichen tatsächlich ein Blick auf die Kurstafel, ein Kalenderblatt und ein wenig Menschenkenntnis, um Markttendenzen zu erklären.

Auf dem Parkett hat sich ein Grüppchen Optimisten zusammengefunden, und man redet über die Bärenjagd und davon, dass es in drei oder vier Tagen einen Wash-Out gibt und danach die große Rallye zum Jahresende. Die Trader sagen das nicht etwa, weil sich der Dow wieder einmal ein paar Punkte ins Plus verirrt hat. Vielmehr haben die rapiden Kursstürze am Vortag den Gedanken an eine Bodenbildung zurückgerufen - und die Geschichte gibt ihnen recht.

Ein Drittel der Bärenmärkte nach dem Zweiten Weltkrieg ging im Oktober zu Ende, mehr als die Hälfte gingen im vierten Quartal zu Ende. Das liegt vor allem daran, dass man den Blick vom Tagesgeschehen löst und nach vorne schaut, auf den Jahreswechsel. "Die meisten Anleger haben das Jahr abgeschrieben und freuen sich auf ein besseres 2004", meint James Luke, Portfolio Manager bei BB&T Asset Management. Das klingt ein wenig nach Silvesterlaune und guten Vorsätzen, ist aber auf jeden Fall menschlich - und irrational, eben ganz der Markt.

Dass die Monate November bis April, also die Phase nach dem Herbst und zu Beginn des neuen Jahres, statistisch gesehen die stärkste ist, ist indes nicht Ursache sondern Folge dieses Denkens. Der Vorsatz, das neue Jahr erfolgreicher zu beginnen, bringt den Optimismus mit, der den Markt nach oben treibt. Praktische Überlegungen bezüglich höherer Einzelhandelsumsätze im Weihnachtsgeschäft oder in diesem Jahr eine eventuelle Zinssenkung durch die Fed stehen die der Bärenjagd nur im Hintergrund.

So gesehen könnte es also tatsächlich etwas werden mit einer nachhaltigen Erholung der Märkte. Unterstützend arbeiten ja auch die Unternehmen darauf hin, die ihre Quartalskonferenz auch zu einem Update nutzen und zu einem großen Teil ihre Umsatz- und Gewinnprognosen für das vierte Quartal herunterfahren. Wenn die Erwartungen einmal ganz unten und schwaches Gewinnwachstum eingepreist ist, dann ist der Markt zumindest vor kurzfristigen Enttäuschungen sicher.

Doch ist das alles Theorie. Für diese gibt es den Nobelpreis, aber Aktiengewinne lassen sich nur unter gewissen Umständen realisieren. Die Erkenntnisse von Smith und seinem Partner Daniel Kahneman dürften Markttheoretiker interessieren, der kleine Anleger ist wohl ausreichend gut beraten, sich am gesunden Menschenverstand zu orientieren, und dabei Zahlen und Prognosen, Zinsen und Produkte nicht aus den Augen zu lassen.

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