Inside Wall Street - Die Börsenkolumne aus New York
Rudy, der Retter der Wall Street?

Auf dem Weg ins Büro fliege ich ein paar Zeitungen durch und muss mich schon wieder ärgern. Zuviel passiert in der Welt, was nicht einfach gut oder schlecht wäre - sondern nur dumm. Der amerikanische Konsument, an dieser Stelle wiederholt für seinen Mangel an Eigenverantwortung gerügt, mogelt sich durchs Leben und oft scheint es, als steuere er direkt auf den Abgrund zu.

Das jüngste Beispiel aus der New York Times kommt am Donnerstag aus der Abteilung Dummheit und Recht. Essen, rauchen, klagen - das ist die amerikanische Form der Konsumkette. Wir fressen jahrelang ausschließlich bei den Burger-Ketten, wir rauchen Kette und wenn wir dann endlich fett sind und Lungenkrebs haben, dann ziehen wir vor Gericht und verklagen McDonalds und Philip Morris. Das Konzept geht auf, die Unternehmen zahlen Millionen und Milliarden, und mittlerweile haben das sogar die Kinder kapiert: Ein New Yorker Anwalt hat eine Sammelklage im Namen einiger aufgedunsener Halbwüchsiger eingereicht, die es trotz regelmäßigen Besuchs bei McDonalds nicht in die Fußball-Schulauswahl schaffen.

Doch will ich heute nicht schon wieder über die Amerikaner klagen - vielmehr soll einmal der Mann ins rechte Licht gerückt werden, der immer mehr als Weltenretter gilt, als Heilsbringer der Haltlosen, als Messias der Märkte: Rudy Giuliani. Der frühere New Yorker Bürgermeister ist in diesen Tagen aus den Schlagzeilen nicht wegzudenken.

Giuliani wurde mit Worldcom in Verbindung gebracht

Inmitten der Krise um eine neu geschaffene und mit dem umstrittenen William Webster prompt fehlbesetzte Prüfbehörde innerhalb der Börsenaufsicht SEC wurde Giuliani als Nachfolger des bald Geschassten geführt. Am Donnerstag bringt man ihn als Nachfolger des ebenfalls zurückgetretenen SEC-Chefs Harvey Pitt ins Gespräch. Zwischenzeitlich wurde Giuliani als künftiger Aufsichtsratsvorsitzender bei Worldcom gehandelt. Mancher sieht den Mann an der Spitze von CIA und/oder FBI, als Vizepräsident wurde er mehrfach vorgeschlagen, und schon vor Ende seiner Amtszeit hatte man spekuliert, Giuliani strebe das höchste Amt an und wolle nach seinem Parteifreund George W. Bush Präsident von Amerika werden.

In die Reihe ernsthafter und realistischer Vorschläge mischen sich die Träume einiger Special Interest Groups: Einige Baseballfans haben eine Initiative gestartet, die Giuliani an die Spitze der Liga bringen sollte. Fans waren im Sommer schockiert und verärgert gewesen, als sich Teams und Spieler nicht auf die Gehälter für die millionenschweren Jungs einigen konnten und es fast zu einem Streik und dem vorzeitigen Ende der Saison gekommen wäre. Nun soll Giuliani aufräumen. Das soll er übrigens auch in Mexiko City, wo man eine höhere Kriminalität hat als im New York der finsteren Tagen, und bei der Nationalen Vereinigung der Vollblut-Rennpferde, wo man von Skandalen um die Pferdewetten die Nase voll hat. Und für einen der größten amerikanischen Versicherer AON soll Giuliani Kunden in Sachen Terror und Katastrophen-Schutz schulen. Die drei letztgenannten Jobs haben Giuliani & Partners, so der Name seiner Agentur in Post-Bürgermeister-Tagen, übrigens angenommen.

Auf seinen Rat hört jeder

Was darüber hinaus noch in den Zeitplan des amtierenden "Mann des Jahres" (Time Magazine) passt, weiß wohl nur der Heilsbringer selbst. Und es weiß auch nur er alleine, was für Aufgaben er künftig übernehmen will - denn müssen muss er längst nicht. Auf den Rat des Mannes, der nach den Terroranschlägen des 11.September außergewöhnliche Führungskraft bewiesen und New York durch die tiefste Krise seiner Geschichte geführt hat, hört nach wie vor jeder. Doch nicht jedem hat Giuliani etwas zu sagen. Manchmal will er nicht, und manchmal - man muss den Tatsachen ins Gesicht sehen - kann er sicher auch nicht.

Nur weil der Mann auf den Straßen New Yorks aufgeräumt hat, muss er kein Telekomfachmann sein. Und nur weil der einmal als Staatsanwalt in Manhattan ein harter Hund war und sich schon damals die Wall Street vorgeknöpft hatte, muss er nicht der richtige Mann an der Spitze der SEC sein. Zumal er schon seinerzeit das Übel offensichtlich nicht ausrotten konnte, wie die Bilanzskandale der letzten zwölf Monate beweisen. Betrug fand lediglich etwas versteckter statt und nicht mehr im Aktionärsheftchen.

An der Wall Street wirken sich die Spekulationen um Giuliani hier und Giulani dort nicht aus. Zu vage sind die Vorschläge, zu fern der Gedanke daran, dass Rudy der Retter wirklich eines der Ämter annimmt, die man ihm zu Füßen legt. Nur einem tut das Gerede gut: Giuliani selbst. Niemand in den USA hat zur Zeit einen höheren Marktwert, keinem öffnen sich alle Türen so leicht. Auch die ins Weiße Haus. Langfristig dürfte das Oval Office Ziel des smarten Republikaners sein. Durch welche Instanzen er vorher geht, ist ebenso offen wie für seine Karriere unerheblich.

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