Inside Wall Street - Die Börsenkolumne aus New York
Top und Flop: Mick, der Markt und der Krieg

Seit Jahresbeginn hat der Dow Jones 23 % verloren, die Nasdaq sogar 40 % - und jetzt geht es auch noch für die Schwarzhändler mit Rolling Stones-Tickets bergab. Kriegsängste sind derzeit das meistdiskutierte Phänomen an der Wall Street.

Das Telefon klingelt, und ein Kollege fragt an, wer die Rock-Opas im Madison Square Garden sehen möchte. Irgendein Trader verkloppe die Tickets für 100 $ und damit 72 % unter dem Einkaufspreis. Eine so schlechte Performance findet sich selbst in der High-Tech-Branche selten. Paint it Black? - Gar nicht nötig, schwärzer geht es wirklich nicht mehr.

Seit Wochenstart sind schon wieder so viele schlechte Nachrichten auf den Markt eingebrochen, dass die dramatischen Verluste im Handel nicht überraschen. Schwache Zahlen aus dem Einzelhandel, pessimistische Prognosen aus der Chip- und Netzwerkbranche, weitere Ermittlungen gegen Xerox, enttäuschende Kommentare von Analysten und Brokerhäusern, ein hoher Ölpreis und die nach wie vor schwelende Irak-Krise entziehen möglichen Gewinnen jeden Boden. Und zu letzterer Problematik gesellt sich ein schwerer innenpolitischer Konflikt.

Denn Al Gore, der ehemalige US-Vizepräsident und Gegenkandidat Bushs in der Wahl 2000 hat am Montagnachmittag in einer umjubelten Rede erstmals offen gegen die Angriffs-Strategie des obersten Befehlshabers gesprochen und Amerika zum Nachdenken aufgefordert. Wenn langjährige Verbündete geschlossen gegen einen Irak-Krieg seien, müsse auch Amerika einmal seine Position überdenken und nach Fehlern im eigenen Programm suchen.

Was George W. Bush davon hält, machte er am Mittag deutlich, als er zu einem Bericht der Regierung Blair Stellung nahm. Wieder war ihm am Morgen der Brite zur Seite gesprungen, diesmal mit einem Report, nach dem Saddam Hussein binnen 45 Minuten Angriffe mit Massenvernichtungswaffen starten könnte. Der irakische Diktatur sei eine Bedrohung für den Frieden, erklärte Bush erneut und verschärfte seine Angriffsabsicht. Anleger beunruhigt das in höchstem Maße. Während der Rede des Präsidenten gaben die Märkte ihren leichten Aufwärtstrend auf und stürzten auf neue Tiefstände.

Sorge vor Langfrist-Folgen

Auf dem Parkett diskutiert man die Gefahren eines Irak-Krieges seit geraumer Zeit. Und je mehr Experten sich in die Gespräche einschalten, desto klarer kristallisiert sich heraus, woher die Unsicherheit wirklich kommt. Denn abgesehen davon, dass nicht ein Krieg, sondern höchstens ein Sieg den Markt stützen könnte und der auf kurze Sicht keineswegs garantiert ist, hat man langfristige Sorgen. Wird der Irak im Falle eines Angriffs stärker als bisher mit Terroristen zusammenarbeiten? Was passiert mit den Waffen, die der Irak hortet? Wie findet eine Neuordnung statt inmitten eines komplizierten arabischen Staatengeflechts in der Golfregion?

Da überrascht es am Dienstag einigermaßen, dass das Verbrauchervertrauen nicht so schlecht ausfällt, wie man erwartet hatte. Während die Konsumenten laut aktuellem Bericht aus Washington ihre gegenwärtige Situation schwächer einschätzen als vor einem Monat, ist die Bewertung der langfristigen Prognosen etwas freundlicher geworden. Noch mehr darf man sich aber darüber wundern, dass der Markt kurz einen Aufwärtstrend zeigte, denn ungeachtet der noch schlechteren Erwartungen bleibt unterm Strich eine Erkenntnis: Der Index ist erneut gefallen, ebenso übrigens wie der Index der Führenden Indikatoren, der bereits am Montag einen groben Überblick über die Stimmung im Land gab.

Mick Jagger und Kollegen wird die Problematik am Markt wenig belasten, auch die britisch-amerikanischen Beziehungen dürften dem Altrocker egal sein, denn eines steht fest - Verbraucherausgaben hin oder her: Seine Konzerte in New York sind ausverkauft. Dass es jetzt Tickets für 100 $ gibt, liegt daran, dass einfach eingangs erwähnter Trader zu viele Tickets für zu viele Freunde gekauft hat. Zum vollen Preis. Damit sackt Jagger die volle Kohle ein, Satisfaction garantiert. Und während seine Konten weiter wachsen, ruft der bekennende Gierschlund den Fans an der Wall Street zu: "You can?t always get what you want!"

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