Inside Wall Street - Die Börsenkolumne von Lars Halter
Auf die Plätze, fertig,... abwarten!

NEW YORK. Die Konjunkturdaten am Dienstagmorgen belegen die aktuelle Vorliebe der Wall Street für Extreme, und die Reaktion des Marktes könnte nicht typischer sein. Nach Terroranschlägen und Rezession versucht sich die amerikanische Wirtschaft an einer Erholung, doch eines hat man offensichtlich nicht begriffen: Richtig gesund wird einer nicht durch die Radikalkur mit Pillen in allen Farben, sondern durch eine langsame und überlegte Therapie mit Ruhe und Erholung.

Doch davon hält man an der Wall Street nichts. Man liebt das schnelle Hoch und nimmt den tiefen Fall in Kauf, wie die Reaktion auf die zwei jüngsten Zahlen zeigt: Die Bestellungen langlebiger Güter sind im Juli auf das höchste Niveau seit 9 Monaten gestiegen - und die Indizes kletterten. Das Verbrauchervertrauen ist auf das schwächste Niveau seit 9 Monaten gefallen - und die Indizes brachen ein. Am Mittag notiert der breite Markt nahezu unverändert.

Was lernen wir? Das hektische Auf und Ab hat gar nichts gebracht - außer noch mehr Unsicherheit. Denn derart volatile Ausschläge auf Einzelmeldungen aus der Konjunktur passen nicht ins Konzept einer nachhaltigen Erholung. Sie stammen aus einer längst vergangenen Zeit, aus den Jahren vor dem großen Bärenmarkt, als sich Gewinne nach guten und nach schlechten Nachrichten rasch realisieren ließen - jedenfalls für den Anleger, der auf der richtigen Seite stand und zwischen Aktien und Shorts wechseln konnte.

Das waren noch Zeiten... könnte man nun stöhnen - oder einfach die Strategie ändern. Was der Markt zur Zeit braucht ist Zeit. In den vergangenen zwölf Monaten musste die Wall Street einiges einstecken. Über vieles muss erst noch Gras wachsen, doch manche wollen schon wieder das Feld bestellen. Dafür ist es zu früh!

Ein Jahr nach den Terror-Attacken auf New York und Washington ist mehr Angst im Markt als man noch vor einigen Wochen erwartet hätte. Je näher der Jahrestag des 11. September rückt, desto verstörter blickt mancher auf die großen Bildschirme am Parkett, wenn dort die News von einem Feuer in Downtown oder einem vergessenen Koffer auf der George-Washington-Bridge flimmern. Zeit heilt alle Wunden, das weiß man, doch hat mancher unterschätzt, wie viel Zeit nötig ist, um auch tiefe Schnitte vergessen zu machen.

Anders die Notenbank: Laut waren die Stimmen derer, die vor zwei Wochen weitere Zinssenkungen gefordert hatten - doch diese blieben aus. Zurecht, wie sich auf lange Sicht zeigen dürfte, denn was den Markt vor allem schwächt, ist seine Empfindlichkeit, sein ständiges Überreagieren. Die Fed hat das ganz richtig formuliert. "Das aktuelle Zinsniveau, gekoppelt mit einem nach wie vor stabilen Produktivitäts-Wachstum, ist für die US-Konjunktur auf lange Sicht ein ausreichend starker Nährboden." Drei Worte machen dieses Urteil zum Leitfaden für Anleger: "... auf lange Sicht..."

Und so braucht der Markt zunächst keinen lauten Startschuss, auf dass er den Sprint zu einer konjunkturellen Gesundung aufnehme. Er braucht einfach Zeit, viel Training, ein paar Runden im Stadion - ohne Stoppuhr.

Der Konsument scheint das indes begriffen zu haben, das zeigen die beiden Zahlen vom Dienstagmorgen, wenn man einmal hinter die Kulissen blickt. Denn was sind denn langlebige Güter? Es sind die großen Investitionen des kleinen Verbrauchers: Möbel, Autos, Kühlschränke, Fernseher. Und die werden gekauft, weil der Amerikaner langfristig guter Dinge ist. Das Verbrauchervertrauen ist hingegen ein kurzfristiger Indikator und zudem einer, der nicht nur konjunkturelle Schwankungen berücksichtigt, sondern auch auf die Skandale um CEOs und Analysten, Weill, Grubman und Frau Wang. Doch die belasten die Konjunktur nicht und sollten daher auch nicht überbewertet werden. Auf den breiten Markt dürfen sie sich nicht niederschlagen.

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