Inside Wall Street: Die Wall Steet hüpft
Kolumne: 1 000 Punkte, 1 000 Tage

Strahlende Gesichter an der Wall Street, einige Trader laufen richtig beschwingt über das Parkett, und ein Kollege will sogar den ein oder anderen Händler "hüpfen" gesehen haben. Auf und ab.

wsc NEW YORK. So groß die Freude über die satten Kursgewinne der vergangenen Tage ist, so bitter ist leider auch die Einsicht, dass genau des Händlers Hüpfen den Markt vielleicht besser beschreibt als jeder noch so euphorische Kommentar, den freudig erregte Münder am Dienstag ausplappern.

Der Händler hüpft - und der Markt auch. Zugegeben: Der aktuelle Satz von Dow, Nasdaq und dem breiten Markt macht Laune, und es handelt sich ja tatsächlich nicht nur um einen kleinen Chart-Huppel, sondern um einen gewaltigen Sprung um fast 1 000 Punkte seit Donnerstag. 1 000 Punkte! Wow! Da vergisst man gerne mal, dass vor dem 1 000-Punkte-Plus ein 1000-Tage-Minus steht. Und diese Zahl ist nicht aus der Luft gegriffen. Genau 1 002 ist er alt, der aktuelle Bärenmarkt, und damit ist er der Größte in der Geschichte der Wall Street.

Und wenn einige Unternehmen zu Beginn der Ertragssaison starke Zahlen melden, dann ist das nicht mehr als eine schöne Abwechslung. Niemand darf vergessen, dass wochenlang Firmen aus allen Branchen Warnungen aussprachen und ihre Prognosen auf Gewinn und Umsatz immer weiter zurückschraubten. Wenn sie jetzt ein paar Cent darüber liegen, dann ist das noch kein Zeichen für eine Trendwende, und signalisiert kein Ende des Bärenmarktes.

Zumal bei einigen großen Unternehmen die Ergebnisse gar nicht so durchsichtig sind wie sie anfangs aussahen. Dass bei General Motors, dem Überraschungssieger des Tages, dessen Gewinn fast 25 % über den Prognosen der Wall Street lag, sind die Ergebnisse ohnehin weit davon entfernt, eine langfristige Richtung anzugeben - immerhin gibt der Autoriese immer noch Wagen zu Sonderkonditionen und zu Spottpreisen aus. Dich auch andere Unternehmen geraten ins Zwielicht.

Dass ausgerechnet die Citigroup das Quartal mit einem höheren Gewinn beendete als erwartet worden war, ist natürlich ein gutes Zeichen. Immerhin ist das Finanzhaus das größte der Welt. Doch schaffte man es gerade einmal, um 1 Cent pro Aktie über den Analystenerwartungen zu liegen - und ganze 6 Cent sind mehr als umstritten. Denn die Citigroup hat ihr Hauptquartier in Manhattan verkauft. Der Erlös von 1,1 Mrd. $. Ist per definitionem eine außergewöhnliche Einnahme und dürfte in den Ebitda nicht verrechnet sein. Experten kämpfen sich am Dienstagmittag durch Zahlenkolonnen und glauben, dass Citigroup falsch gerechnet hat.

Das dürfte der Glaubwürdigkeit des Unternehmens noch einmal schaden, obschon das das Letzte wäre, was man sich im Management zur Zeit wünscht. Seit Monaten steht die Citigroup in den Schlagzeilen, mal geht es um Skandale bei der Brokertochter Salomon Smith Barney, mal geht es um Worldcom und umstrittene Kredite an verwandte Firmen - wenn man jetzt auch noch falsch gerechnet haben sollte, dann dürften die Gewinne der letzten Tage flugs wieder ausradiert sein.

Und außer getürkter Nachfrage und falschen Zahlen gibt es noch einige andere Sorgen, die langfristig auf den Markt drücken: Nach wie vor droht ein Krieg mit dem Irak, und schon deshalb kann eine Rallye in dieser Stärke keinen Bestand haben. Was man in den vergangenen Tagen sieht, scheint vielmehr der Versuch einiger Fond-Manager zu sein, Verluste aus den ersten neun Monaten des Jahres wettzumachen. Viele stehen mit 20 % und mehr in den Miesen, darunter einige der größten und renommiertesten Fonds. Sie treiben Kurse hoch, und irgendwann steigen sie mit Gewinnen aus, und dann kracht der Markt auf breiter Front auf ein neues Tief.

Ähnlich sieht das Art Cashin, der Parkettchef der UBS Paine Webber. "Diese Rallye hat nichts mit den Nachrichten der letzten Tage zu tun", sagt er. "Das ist eine technische Laune des Marktes." Und ein anderer will sogar massive Aktienkäufe von Short-Sellern beobachtet haben. Sobald diese ihre Positionen gelöscht haben, rechnet er mit einem Sturz. Vorher aber wird an der Wall Street weiter gehüpft, und ein Gutes hat der volatile Markt auf jeden Fall: Wer schnell und mutig ist, der kann an vier Tagen ein Vermögen machen oder zumindest seine Performance verbessern. Der Börse im Allgemeinen hilft das nicht.

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