Inside Wall Street
Greenspan berät, Bush entwarnt, Schwab zeichnet

Na, dann ist ja gut. Noch zwei Stunden bevor Notenbank-Chef Alan Greenspan die wichtigste Entscheidung dieses Tages verkündete - nämlich, ob man die Zinsen noch einmal senke oder an dem aktuellen Niveau festhalte -, hat sich der Präsident zu Wort gemeldet. George W. Bush sieht die US-Wirtschaft auf dem richtigen Weg.

wsc NEW YORK. Lediglich am Anlegervertrauen müsse man noch arbeiten, so der Präsident, doch auch da wisse man wie, bla bla... was folgte, war weitgehend die selbe Rede, die Bush bereits vor vier Wochen an der Wall Street, vor drei Wochen in Alabama und vor zwei Wochen Illinois gehalten hatte. "Die lügen, betrügen oder stehlen" sollen hart bestraft werden, die Börsenaufsicht SEC leiste als Kontrollinstanz ganze Arbeit. "Die New York Stock Exchange hat ein gutes Beispiel gesetzt", so Bush. "Wir werden das Vertrauen des amerikanischen Bürger wiedergewinnen."

Einziger Unterschied zwischen dem jüngsten Bush-Statement und früheren Reden des Präsidenten zu Wirtschaft und Vertrauen: Die Märkte fielen am Dienstag nicht dreistellig, während er sprach. Zuvor hatten sie das immer getan, doch kümmern sich Analysten und Anleger momentan viel mehr um die anstehende Entscheidung der Fed, über die vorab immer neue Szenarien gezeichnet und interpretiert werden.

Bereits vor Bush hatte sich US-Finanzminister Paul O?Neill zur Ökonomie geäußert. "Auch wenn es im Moment nicht unbedingt so aussieht, ist eines ganz klar: Die US-Wirtschaft erholt sich." O?Neill berief sich auf zahlreiche Marktforscher, deren Zahlen klar auf einen Aufschwung deuteten - Spekulationen auf eine W-förmige Konjunktur, also einen Rückfall in die Rezession, verwies er ins Reich der Phantasie.

Konkrete Vorschläge, wie der US-Wirtschaft zur Zeit zu helfen sei, wurden bei dem Forum in Waco bisher nicht gemacht, auch sind keine Beschlüsse zu erwarten - Bush und seine Minister haben Unternehmer, Analysten, Arbeiter und Investoren zum Gedankenaustausch geladen. Einer sprach dennoch ziemlich konkret, nämlich Charles Schwab, dessen gleichnamiges Investmenthaus zu den wenigen Gewinnern der aktuellen Vertrauenskrise gehören dürfte.

Die Unternehmensphilosophie von Charles Schwab beinhaltet nämlich vor allem eine Investment-Strategie: breites Streuen. Und darin liegt für den Firmenchef auch das Geheimnis um das verlorene Investoren-Vertrauen. "Ein gut gestreutes Portfolio ist und bleibt der sicherste Schutz vor den Enrons dieser Welt", so Schwab, der diese These zur Zeit auch in der Unternehmenswerbung stärker und aggressiver fährt als je zuvor.

Ebenso wie Präsident Bush lobt Schwab das Engagement der SEC, die zum morgigen Mittwoch den CEOs und CFOs der größten US-Unternehmen eine Unterschrift zu ihren Bilanzen abverlangt. Die Vorstände müssen auf ihre Zahlen schwören, und für deren Richtigkeit persönlich Verantwortung übernehmen. Dass sie das einerseits nur "zu meinem besten Wissen" tun müssen, und dass andererseits das Prozedere um die neue Vorschrift alles andere als unumstritten ist, spielte weder für Schwab noch für die übrigen Redner in Waco keine Rolle - man scheint ein reines Gewissen zu haben und die Form nicht weiter beachten.

Schwab kündigte folgerichtig an, seine Bilanz noch am Dienstag - einen Tag vor Ablauf der Frist - unterschreiben zu wollen, und damit steht er nicht alleine da. Seit Montag haben bereits die CEOs von International Paper, Caterpillar, Pfizer, Cisco Systems und weiteren Unternehmen gezeichnet - ohne Folgen an der Wall Street.

Dass die Börse zunächst nicht reagiert, hat einen guten Grund: Denn obwohl viele Firmen die Gelegenheit als Werbung nutzen und mit Presse-Erklärung und viel Tam-Tam auf ihr Signum aufmerksam machen, tun sie etwas, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Sie stehen zu ihren Bilanzen. Jede euphorische Reaktion darauf wäre ein Armutszeugnis für den Markt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%