Inside Wall Street
Kolumne: 32-Millionen-Fallschirm für Grubman

In der gegenwärtigen Vertrauenskrise an der Wall Street war er der fleischgewordene Interessenskonflikt - Jack Grubman. Der Telekom-Analyst, der in Diensten der Citigroup-Tochter Salomon Smith Barney unter anderem die Aktien von Worldcom pushte, und der von dem nun laufenden Konkursverfahren nach einem 7-Milliarden-Dollar-Betrug angeblich "genauso überrascht wie alle anderen" war, hat seinen Job gekündigt.

NEW YORK. Es sei ihm "in einem Umfeld wachsender Kritik nicht länger möglich, mit meiner Arbeit den Standards gerecht zu werden, die SSB-Kunden verdienen", schrieb er an Michael Carpenter, Chef der Investmentabteilung der Citigroup. Unter welchen Standards Grubman während der vergangenen fünf Jahre gearbeitet hat, ist zurzeit die Schlüsselfrage, mit der sich Staatsanwaltschaft und SEC beschäftigen.

Von Seiten der Citigroup hört man am Freitag, Grubman und die Bank trennten sich in gegenseitigem Einvernehmen - nachvollziehbar. Denn für die Citigroup war der Posterboy des Interessenskonflikts zuletzt ein kaum kalkulierbares Risiko. Jede Bombe, die um Grubman hoch ging, konnte den Aktienkurs in den Keller schicken. Auch Grubman dürfte der Abschied nicht schwer fallen, denn er fällt weich: Sein ehemaliger Arbeitgeber zahlt ihm eine Ablöse von 32 Mill. $.

Das stößt nun wieder dem Anleger sauer auf. Warum bekommt einer soviel Geld, der im Nachhinein nicht nur als einer der schlechtesten Analysten aller Zeiten da steht, der Investoren Millionen und Milliarden gekostet hat, sondern der auch so ziemlich alle Regeln des Geschäfts gebrochen hat, die irgendwie zu brechen waren? Vor allem die goldene Regel aller Investmenthäuser, die eine "Chinesische Mauer" fordert zwischen den Bereichen Research und Banking.

In den Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft und der SEC in Sachen Worldcom deutet vieles darauf hin, dass Grubman geschönte Berichte über die Aktien einer nur schwer zu durchschauenden Branche geschrieben hat. Damit hat er allerdings nicht nur den Kollegen im eigenen Haus in die Hände gespielt, sondern auch seinen Freunden in der Branche.

Mit den Chefs bei Worldcom war Grubman offensichtlich eng verbandelt. Und zwar nicht nur mit Bernie Ebbers, dem einstigen Wunderkind des Neuen Marktes, sondern auch mit dem Finanzchef, unter dessen Regie das Unternehmen insgesamt fast 7 Mrd. $ nicht realisierter Umsätze in die Bilanzen geschmuggelt hat. Längst ist auch bekannt, dass sich Grubman und die CEOs nicht etwa nur zu Grillfesten getroffen haben, sondern auch geschäftlich enger verknüpft waren, als man das an der Wall Street gewöhnt ist.

So besuchte Grubman nicht nur mehr als ein Dutzend Vorstandssitzungen bei Worldcom und anderen Unternehmen, darunter die ebenfalls bankrotten Global Crossing und Win-Star. Der Analyst hat für Worldcom sogar als Bevollmächtigter unterschrieben, als der damalige Telekomzwerg den Konkurrenten MCIT übernahm. Erst dieser Deal machte Worldcom zu einem der wichtigsten Unternehmen des Sektors.

"Diese engen Verknüpfungen sind sehr ungewöhnlich", kritisiert der New Yorker Wirtschaftsjurist Howard Schneider noch relativ zurückhaltend. Jill Fish, Professorin für Wirtschaftsrecht an der New Yorker Fordham Universität findet die Aktionen Grubmans "sehr besorgniserregend. Mit seinem Mitwirken am MCIT-Deal hat Grubman die Grenze des Legalen ganz klar überschritten. Er war seither kein neutraler und objektiver Analyst mehr."

Zurecht also stellt man an der Wall Street die riesige Abfindung für Grubman in Frage. Sie wird dem Analysten indes nicht helfen, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Die Ermittlungen gegen den Mann, den man mittlerweile als Schlüsselfigur hinter der Telekomblase sieht, laufen auf Hochtouren.

Die Aktie seines ehemaligen Arbeitgebers hat sich unterdessen im roten Bereich festgesetzt. Etwa 2,5 % verliert die Citigroup am Freitag.

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