Inside Wall Street
Kolumne: Absturz – Kein Mitleid mit United Airlines

Es ist kalt am Flughafen Washington/Dulles. Seit vier Stunden sitzen wir in der zugigen Wartehalle vor Gate D 8, und wir warten auf Flug United 7189, der uns nach dem Thanksgiving-Wochenende zurück nach New York bringen soll. Der Flug wird verschoben, verschwindet irgendwann von der Anzeige und wird dann gestrichen. United bleibt am Boden, wir nehmen einen Mietwagen und fahren durch die neblige Nacht.

NEW YORK. Das war vor vier Tagen, da war für den einst zweitgrößten US-Carrier noch gar nichts verloren. Noch hoffte man auf staatliche Lohngarantien über 1,8 Mrd. $, die dem Unternehmen vorerst einmal gereicht hätten, den Flugbetrieb und den Glauben an eine Zukunft aufrecht zu erhalten. Erst Stunden zuvor hatte man sich mit den Mechanikern geeinigt, die einer weiteren Lohnkürzung zustimmen sollten. Einer Rettung schien nichts mehr im Wege zu stehen.

Doch was dann passierte, zeigte zumindest den betroffenen Passagieren, das bei United Airlines einiges im argen liegt. Völlig planlos erklärten Angestellte am Schalter den verärgerten Passagieren, was eigentlich passiert sei. Hatte man eben noch von technischen Schwierigkeiten gesprochen, so sollte es nun das Wetter und wenige Minuten später die Flugaufsicht sein, die einen Trip nach New York vermieste. In diesem Fall, so der zuständige United-Mann, müsse die Airline weder für Hotelkosten aufkommen noch für irgendwelche andere Ausgaben, die Passagieren bis zum Flug am nächsten Morgen entstünden. Unseren Mietwagen zahlte United auch nicht, auf die Rückerstattung wenigstes eines Teils des Flugpreises warten wir noch.

Service wird bei United nicht groß geschrieben, und trotzdem ist es nicht persönliche Enttäuschung, die diese Zeilen diktiert. Auch sind es nicht die Kollegen, die mir allein am Montag von drei Fällen berichteten, in denen sie von United stehen gelassen wurden. Vielmehr lässt die Panne von Washington hinter die Kulissen eines Unternehmens blicken, dessen katastrophale Fehlplanung in vielen Bereich dazu führte, dass die Maschinen mit dem rot-blauen U auf der Heckflosse wohl bald im Hangar bleiben werden.

Man nehme nur die endgültige Entschuldigung der Airline nach Absage von United 7189: Die Flugaufsicht habe den Flug wegen zu hohen Luftverkehrs gestrichen. Von Washington/Dulles gingen am Sonntagnachmittag innerhalb von nur zwei Stunden vier Flüge nach New York - La Guardia, sie hatten jeweils 19 Sitze. In der Planung scheint niemand auf die Idee gekommen zu sein, am hektischen Thanksgiving-Wochenende größere Flugzeuge einzusetzen und damit nicht nur die Anzahl der Flüge, sondern vor allem auch die Kosten zu senken.

Dabei wären größere Maschinen von vorne herein angemessen gewesen, denn alle vier Flieger nach La Guardia waren hoffnungslos überbucht. Fast im Minutentakt suchte United per Lautsprecherdurchsage Freiwillige, die ihren Sitzplatz aufgeben würden. Entschädigung: Ein Freiflug auf dem internationalen Streckennetz von United Airlines. Solche Fehlplanungen kosten Hunderttausende und vergraulen zudem Kunden, um deren Treue auch der Schicht-Manager in Washington augenscheinlich keine Minute bemüht war. Im Gegenteil: Jede Beschwerde schob er beiseite und konnte dabei ein hämisches Grinsen nicht unterdrücken.

Dieses Verhalten, dass United Airlines schon seit vielen Monaten zeigt, und dass Kunden unzufrieden zu anderen Anbietern wechseln lässt, führt genau zu den Argumenten, mit denen das Air Transportation Stabilization Board (ATSB) der US-Regierung jede weitere Hilfe für das strauchelnde Unternehmen abgelehnt hat. Der Businessplan, über den das Gremium zu befinden hatte, sei schlicht instabil, fasst Board-Chairman Daniel Montgomery zusammen, weshalb die beantragten Lohngarantien "eine unzumutbare Belastung für den Steuerzahler" wären.

United hatte den ganzen Restrukturierungsplan auf Umsatzzahlen gestützt, die dem Board "unrealistisch optimistisch" scheinen. Das Unternehmen gehe von einer schnellen und signifikanten Erholung für die Branche aus und berücksichtige dabei weder aktuelle Trends noch die sinkenden Marktanteile in einem Umfeld, dass sich United zunehmend mit Billig-Anbietern teilen muss.

Zudem bemängelt das Fachgremium, dass die geplanten Sparmaßnahmen bei weitem nicht ausreichten. Im Branchenvergleich sei United einer der teuersten Anbieter, selbst weitere Kostensenkungen könnten die Margen nicht ausreichend erhöhen. Unterm Strich bezweifelt das ATSB, "dass United ausreichend Cash Flow produzieren kann", um einerseits die Geschäfte aufrecht zu erhalten, andererseits alten Verpflichtungen aus der Rentenkasse gerecht zu werden.

Dabei ist das ATSB keineswegs überkritisch. Im Gegenteil: Die Behörde, die US-Präsident George W. Bush nur elf Tage nach den Terrorattacken des 11. September ins Leben rief um der Airline-Branche mit bis zu 10 Mrd. $ unter die Arme zu greifen, hat zahlreichen Konkurrenten Kredite gegeben und sieht Unternehmen auf dem Weg aus der Talsohle. Erst Ende November gewährte man American Trans Air Lohngarantien über fast 148,5 Mill. $, zuvor hatten America West, US Airways, Frontier und Aloha Airlines staatliche Mittel in Anspruch nehmen können.

Das Management von United Airlines muss nun einen eigenen Weg aus der Krise suchen. Momentan verliert das Unternehmen zwischen 7 und 8 Mill. $ pro Tag, unter anderem natürlich aufgrund grober Fehlplanungen und der Tatsache, dass man die Kapazitäten nicht etwa entsprechend der Nachfrage nach Flügen gesenkt hat, sondern weit darunter. Die Platzknappheit führte konsequent zu Überbuchungen, höheren Preisen und öffnete den Billig-Anbietern einen Markt, in dem diese bislang nur zögerlich voran gekommen waren.

Wie es bei United weiter geht, ist am Donnerstagmittag völlig offen. Die Maschinisten haben ihr Treffen abgesagt, bei dem sie über die zuletzt abgesegneten Lohnkürzungen noch einmal abstimmen wollten, das Management hat sich bislang nicht geäußert. Geflogen wird weiterhin, und auf der Website findet sich lediglich der bescheidene Hinweis, dass man trotz aller Schwierigkeiten hart daran arbeite, "wie bisher weiterzuarbeiten zum Wohle unserer Kunden".

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