Inside Wall Street
Kolumne: Auf der Suche nach dem Sündenbock

Auch die spektakuläre Rallye zum Quartalsauftakt am Dienstag kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der US-Aktienmarkt in einer schlimmen Krise befindet. Dass Dow, Nasdaq und auch der marktbreite S&P 500 am Mittwoch trotz einiger optimistischer Meldungen und Kommentare mit Verlusten handeln ist nur ein weiterer Hinweis darauf, dass der Wall Street Kraft und Ausdauer fehlen.

Es gibt einige Schlüsselfragen, die seit Monaten die Runde machen: Wie lange hält der Bärenmarkt noch an? Wann ist es wieder Zeit, in Aktien zu investieren? Welche Sektoren ziehen zuerst an? Und: Wer ist schuld an dem historischen Abwärtstrend?

Antworten gibt es viele, wenngleich einige bereits widerlegt sind und andere mehr als unwahrscheinlich klingen. Eine überraschende Antwort auf die Schuldfrage ermittelte in der Nacht zum Mittwoch der Online-Dienst AOL. Auf der Website wurden E-Mail-Kunden befragt: Wer ist ihr Sündenbock für das Debakel an der Wall Street? Antworten konnte man per Mausklick auf fünf Köpfe, die stellvertretend für ein Problem standen: Osama bin Laden (Angst vor Terroranschlägen), Saddam Hussein (Angst vor einem Krieg), Dennis Kozlowski (Vertrauenskrise nach dem massiven Bilanzbetrug in Corporate America), Alan Greenspan (ineffektive Zinspolitik), George W. Bush (falsche Wirtschaftspolitik) und als Alternativ-Antwort stand da "Nobody" - niemand ist schuld, die Verluste sind zyklisch bedingt.

Nachdem Analysten und Medien seit Wochen auf der Irak-Krise und den Gaunern in den Chef-Etagen herumhacken, dürfte die Antwort manchen überrascht haben. 29 % der User halten George W. Bush für den Hauptschuldigen, und es deutet viel darauf hin, dass es nicht nur um dessen Wirtschaftspolitik geht. Bushs Alleingang in Sachen Irak, seine oft egoistische bis ignorante Außenpolitik oder auch seine Umweltpolitik sind alles andere als unumstritten, und man traut dem Präsidenten nicht zu, dass er sein Land durch eine Krise führen könnte - wirtschaftlich wie politisch. Es ist kein Zufall, dass in Bezug auf die Präsidentschaftswahlen 2004 ein Name immer häufiger auftaucht: Rudy Giuliani, der frühere New Yorker Bürgermeister, der nach den Anschlägen des 11. September zum Nationalhelden und Krisenmanager wurde.

27 % der AOL-User geben Osama bin Laden die Schuld an der Krise in Konjunktur und Aktienmarkt. Die materiellen, finanziellen und moralischen Folgen des 11. September und die Furcht der Amerikaner vor weiteren Attacken führten nicht nur zu Schutzmaßnahmen und einem Verteidigungshaushalt von 400 Mrd. $ führten, sondern verzögerten auch Investitionen und Expansionen, worunter die Wirtschaft massiv leidet.

19 % der User halten einen derart steilen Fall der amerikanischen Börsen für zyklisch normal und machen folglich "Nobody" für die Krise verantwortlich.

Für 14 % der User fährt die Notenbank einen falschen Kurs, sie haben auf Alan Greenspan geklickt. Der habe die Zinsen nicht gesenkt als noch Zeit war, so die Kritik vieler Experten, seit Monaten eile er als Feuerwehrmann einer brennenden Konjunkturkrise hinterher. Nun sind ihm die Hände gebunden, weitere Zinssenkungen bringen nicht unbedingt den gewünschten Erfolg. Sie könnten für viele Anleger sogar ein sehr pessimistisches Zeichen sein und Veranlassung dazu, sich weiter vom Markt fernzuhalten.

Es bleiben die zwei Ursachen, die Experten seit Monaten ganz offensichtlich überbewerten. Nur 6 % machen den früheren Tyco-CEO Dennis Kozlowski und damit die grenzenlose Gier und den Moralverlust in amerikanischen Unternehmen für die Kursverluste verantwortlich. Und nur 5 % der User sagen, Saddam Hussein und damit die Angst vor einem Krieg gegen den Irak umtreibe sie und schwäche die Märkte.

Nun sei die AOL-Umfrage nicht repräsentativ, stand unter der Balkengrafik mit dem Übergewicht bei George W. Bush. Sicher ist sie im rein demographisch-wissenschaftlichen Sinn nicht repräsentativ. Aber sie sagt eine Menge darüber aus, was die Masse der Anleger wirklich denkt - und diese Masse macht den Markt. Nachdem sich Analysten und Fondmanager seit Monaten auf ihre Sündenböcke eingeschossen haben, ist nun umdenken angesagt. An der Wall Street und in Washington.

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