Inside Wall Street
Kolumne: Börsenabsturz wird zum historischen Drama

Der Anfang der Woche ist das Ende des Quartals. Und normalerweise war man zum Ende des Quartals Kurssprünge gewohnt oder zumindest eine kleine Rallye - "window dressing" nannte man das, wenn Fondmanager die Kurse pushten, um ihre Performance zumindest auf dem Papier besser aussehen zu lassen. Am Montag bemüht man sich darum nicht mehr, allzu deutlich sind die Zeichen, dass es mit einer raschen Erholung der Märkte nichts wird.

Schwache Vorgaben aus Übersee, schwache Konjunkturdaten aus dem eigenen Land, eine Vielzahl von Warnungen und pessimistische Töne seitens derer, die seit ewigen Zeiten Daten sammeln und das ganze historische Ausmaß der aktuellen Verluste aufzeigen... - wer soll da kaufen? Mittlerweile verstummen selbst die Charttechniker, die einen Aufschwung herbeibeschworen und zum Beweis immer wieder einen doppelten Boden angeführt hatten.

Den doppelten Boden gibt es nicht. Zumindest nicht in den aktuellen Charts. Wir greifen zum Börsenlexikon und lesen den Charttechnikern vor, worüber sie zuletzt großzügig hinweggeblickt haben. Da steht nämlich, dass sich ein doppelter Boden nicht nur durch einen Rückfall auf die vorherigen Tiefstände auszeichnet, sondern auch durch eine Rückkehr zu den vorherigen Höchstständen. Und dies zeichnet sich überhaupt nicht ab.

Bereits am 24. Juli hatten Techniker einen doppelten Boden gesehen, wo keiner war. Denn das Zwischenhoch nach dem letzten Tief (dem Terror-Tief von September 2001), das der Dow Jones Index am 19. März bei 10 635 Punkten fand, lag immer noch mehr als 700 Zähler unter dem Hoch vom Mai 2001, das der Dow bei 11 337 Punkten fand. Und auch jetzt ist man lediglich unter die jüngsten Tiefstände auf den schwächsten Stand seit vier Jahren gefallen - ohne zwischendurch zu einer auch nur vergleichsweise guten Form aufzulaufen, wie sie den Dow am 22. August auf 9 077 Punkte getrieben hat. Genau 1 376 Punkte blieb man unter dem Zwischenhoch.

Die Tendenz ist also deutlich: Es geht runter - und zwar bodenlos. Der September 2002 war noch schlechter als der September 2001, obwohl damals die Terroranschläge zu verkraften waren. Der ohnehin schlechte Börsenmonat ist laut dem "Stock Trader?s Almanac" zudem der schlechteste seit 1931, als der Dow mehr als 30 % verlor. Darüber hinaus ist der September der sechste Monat in Folge, in dem die Märkte mit Verlusten schließen.

Auch andere Analysten und Statistiker haben sich übers Wochenende wir üblich mit Zahlen und Kurven beschäftigt, um dramatische historische Vergleiche ans Licht zu bringen. Bei CNN hat man erkannt, dass der marktbreite S&P 500 das zweischlechteste Quartal 1949 erlebt hat - schlechter war der Handel nur um den Crash von 1987. Bei Thomson Financial schaut man hingegen nach vorne: Nach ihren Berechnungen liegt das Verhältnis von negativen zu positiven Vorankündigungen vor der anstehenden Ertragssaison bei 2,2. Schlechter war es zuletzt im vierten Quartal des Vorjahres, als die US-Wirtschaft in die Rezession steuerte. Damit ist klar, dass man auch auf Unternehmensseite die Zukunft nicht rosig sieht, und zwar über Branchengrenzen hinaus. Denn es sind nicht nur die investitionsabhängigen Sektoren Industrie und High-Tech betroffen. Im Gegenteil: "Wir sind überrascht, dass die Gewinnwarnungen marktbreit so drastisch ausgefallen sind", fassen die Experten zusammen.

Was heißt das für den Markt? Die US-Börsen bleiben vorerst ein Zockermarkt. Sicher lassen sich auch Abwärtstrends berechnen, sicher lässt sich daran auch verdienen. Doch trauen sich nur noch hartgesottene Daytrader aufs Parkett - für Investoren ist der Markt schlicht nicht interessant.

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