Inside Wall Street
Kolumne: Börsenlotto im Bärenmarkt

"Warum ist der Markt jetzt plötzlich so schwach?", fragt mich mein Kollege, der gerade von einem frühen Lunch zurückkommt. Ja, warum eigentlich. Die Wall Street hatte doch so freundlich eröffnet, und seit Handelsbeginn gab es keine - aber auch wirklich gar keine - Nachrichten, die den Markt irgendwie hätten bewegen können.

Die Kollegen vom Börsensender CNBC machen einen Zwischenfall am Flughafen Miami für die Kurseinbrüche verantwortlich, doch das klingt sehr konstruiert. Dass der Markt so schwach ist, liegt am Mittwochmittag wohl vor allem daran, dass es von vorneherein nur schlechte Nachrichten gegeben hatte und frühe Gewinne einfach irrational waren.

Aber so ist das ja schon seit Wochen. Im Juni stürzten die großen US-Indizes auf historische Tiefstände, obwohl zahlreiche Konjunkturdaten ganz gut ausgefallen waren und auch viele Unternehmen nicht so schwach gemeldet hatten wie Experten im Vorfeld befürchtet hatten. Dafür klettert der Markt seit vier Wochen, obwohl aus dem ökonomischen Umfeld zuletzt nur Hiobsbotschaften kamen.

Mittlerweile finden sich auf dem Parkett schon Experten, die auf einen irrationalen Markt setzen und plötzlich zum Einstieg bei High-Tech-Werten raten. Manche begründen das damit, dass die meisten CEOs ihre Bilanzen unterschrieben und viel für eine Renaissance des Vertrauens getan hätten. Doch reicht das für eine nachhaltige Rally? Und ist ein Signal in Richtung neues Vertrauen stärker als die Angst vor weiteren Investitionskürzungen, vor einer schwachen Book-to-Bill-Quote in der Chip-Industrie und vor verheerenden Verkaufszahlen aus dem Computer- und Elektronikhandel?

"Unterm Strich bin ich ja auch eher bearish", gibt David Briggs zu. Der Chef-Händler von Federated Investors ist einer der Experten, die sich am Mittwoch über einen Einstieg in High-Tech-Aktien auslassen. "Es sieht so aus, als würde die aktuelle Bärenmarkt-Rallye noch einige Wochen anhalten. Da ist zumindest auf kurze Sicht noch Geld zu machen." Nach spätestens drei Wochen rate er aber zur Vorsicht, denn dann hätte der Markt das zuletzt übliche Sieben- bis Acht-Wochen-Intervall im Plus beendet und es sei Zeit, wieder aus dem Markt zu gehen.

So präzise Briggs klingt - noch drei Wochen kaufen, dann raus -, so nahe liegt der Verdacht, dass der Investor genauso gut Lotto spielen könnte. Die New Yorker Lotterie zahlt in dieser Woche einen Jackpot von 90 Mill. $ aus, und bei zugegeben geringen Gewinnchancen ist zumindest das Verlustrisiko begrenzt. Ein Ticket kostet 1 $.

Für die Mehrheit der Amerikaner, und vor allem für die Altersgruppe der 36- bis 56-Jährigen, ist vor allem letzteres wichtig. Eine Studie von Allstate Financials belegt am Mittwoch, dass die Renten-Ersparnisse dieser Generation von 120 000 $ in 2001 auf zur Zeit 93 000 $ gefallen sind - vor allem durch die hohen Verluste am Aktienmarkt, die sich in 30 Monaten auf immerhin 7 Billionen $ summieren.

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