Inside Wall Street
Kolumne: Böse Geister bleiben bis Ende Oktober

Trotz der starken Verluste im Montagshandel und einer verheerenden Quartalsbilanz, die das Kürzel 3Q02 auf immer zu einem Synonym für historische Kursstürze machte, war beim Klang der Schlussglocke mancher froh: Immerhin hatte man den als schwachen Börsenmonat berüchtigten September hinter sich gebracht und mit ihm das Quartal. Doch mancher dürfte sich zu früh gefreut haben.

Notorische Optimisten seien am Dienstag aber doch daran erinnert, dass Halloween erst am 31. Oktober gefeiert wird. Und so wie in Deutschland zu Karneval die bösen Geister des Winters vertrieben werden, so werden in den USA zu Halloween die bösen Geister der Börse vertrieben - vielleicht. Ob das klappt, ist nicht sicher, sicher ist hingegen, dass sich am Markt vor Ende Oktober nicht viel tun wird.

Dieser Fingerzeig kommt allerdings nicht von abergläubischen Ghostbusters, sondern von Statistikern und Marktbeobachtern. Die Statistiker dämpfen den Jubel über den Abschied vom September, indem sie den Oktober als historisch zweitschlechtesten Monat hervorheben. Überhaupt gibt es nur vier Monate, die über die letzten 100 Jahre hinweg eine Negativ-Bilanz haben: September und Oktober führen die Liste an.

"History repeats itself" - die schlechte Oktober-Performance der Indizes in der Vergangenheit lässt Schlüsse auf die nächsten vier Wochen zu, glaubt Irwin Kellner, Professor für Volkswirtschaft an der Hofstra Universität in New York. Viele Marktkenner auf dem Parkett wollen davon indes nichts wissen, verweisen aber auf ein anderes Argument, dass klar gegen eine Erholung der Märkte in absehbarer Zeit spricht.

So lehrt die jüngste Vergangenheit, dass im Bärenmarkt eine Rally auf rein technischer Basis keinen Bestand hat. Immer nach dramatischen Kursverluste steigen Schnäppchenjäger ein, immer ziehen die Märkte nach zwei, drei, vier Tagen im roten Bereich noch einmal an. Aber ohne ein starkes Fundament aus Umsatz und Gewinnen - nicht Prognosen! - können sich die Aktien nicht halten.

Und eben dieses Fundament fehlt. Das zeigt sich zu Beginn dieser Woche in den Aktivitäten der Einkaufsmanager. Sowohl der regionale Index aus Chicago als auch der nationale Indes über das Produzierende Gewerbe sind unter 50 Punkte gefallen - und damit aus dem Expansionsbereich. Das heißt, die Produktion in den USA ist rückläufig. Was die ganze Sache besonders dramatisch macht: Der Index ist ein Futur-Indikator, berücksichtigt er doch neue Bestellungen deutlich stärker als getätigte Lieferungen und realisierte Gewinne.

Andere Indikatoren, die zurzeit als belastend für den Markt genannt werden, sind der Arbeitsmarkt, das schwache Umfeld für Kapitalinvestitionen vor allem in den Bereichen Industrie und High-Tech, der anhaltende Ärger um die Bilanzskandale in Corporate America und die Angst vor einem Krieg gegen den Irak. Und ein Faktor wurde unter einer Flut aktueller Ängste in den vergangenen Wochen fast vergessen: Nach wie vor zeichnen sich die amerikanische Aktien durch ein wenig attraktives Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) aus. Es klingt nach drei Jahren im Bärenmarkt unglaublich, doch der S&P 500 Handel mit einem KGZ von 30 - und damit deutlich zu hoch, wie nicht nur Volkswirtschaftler Kellner meint.

Das KGV zurechtgerückt sieht Kellner den Dow "irgendwo zwischen 6 500 und 5 000 Punkten" - und damit ist er noch nicht einmal der größte Pessimist unter den Beobachtern. Bill Gross, Investmentlegende auf dem Bond-Markt, hat bereits vor wenigen Wochen einen Dow-Sturz auf 5 000 geweissagt. Und ein Blick ins Archiv zeigt, dass der Dow eben bei genau 6 346 Punkten stand, als Notenbankchef Alan Greenspan erstmals vor einer gefährlichen Blase auf dem Aktienmarkt gewarnt hatte.

Wann die Märkte auf diese Tiefstände zurückgehen, ist für viele nur noch eine Frage der Zeit. Nach einer ernüchternden Warnsaison mit deutlich mehr negativen als positiven Ankündigungen beginnt die Ertragssaison am Freitag offiziell, wenn mit Alcoa das erste Dow-notierte Unternehmen meldet. Zeitgleich gibt es übrigens neues vom Arbeitsmarkt. Der Wall Street dürften also noch einmal vier schwere Wochen bevorstehen, dann ist der Oktober vorbei, dann ist Halloween, und vielleicht gelingt es Drachen und Kürbisköpfen ja, mit Radau die bösen Geister vom Markt zu vertreiben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%