Inside Wall Street
Kolumne: Der Dow schafft die 9 000 – na und?

Zum ersten Mal seit mehr als sechs Wochen klettert der Dow wieder über die 9 000-Punkte-Marke, und die Analysten von Merrill Lynch sind die einzigen, die auf diese absolut fantastische Super-Spitzen-Meldung angemessen reagieren: Sie stufen die Aktie von National Golf Properties herauf - es liegt ja nahe, dass die Amerikaner jetzt wieder die Schläger packen und aufs Green ziehen.

Aber Spaß beiseite: Die Analysten setzen die Aktie der Golfclub-Betreiber aus ganz anderen Gründen herauf. Zum einen scheine das Golf-Business wieder in die Profitzone zu kommen, zum anderen könnte das Unternehmen dank neuer Kredite einen Bankrott abwenden, und zum dritten handele die Aktie am unteren Ende der prognostizierten Kursspanne. Diese drei Gründe erklären hinreichend, warum sich die Experten nach wie vor nicht optimistisch für das Luxus-Papier geben, sondern ihre Einschätzung lediglich von "Neutral" auf "Halten" schrauben.

Vom Markt hingegen, ist man nach wie vor nicht angetan. Dass der Dow über 9 000 Punkte geklettert ist, ist schön - mehr nicht. Chart-Fanatiker können sich freuen, andere bezeichnen den Markt immer noch als eine tickende Zeitbombe. Denn es gibt nicht viele Daten, auf die sich der Investor verlassen kann, es gibt keine kurz-, mittel- oder langfristigen Indikatoren, aus denen sich Marktbewegungen ableiten lassen. Und was für viele noch viel schlimmer ist, bringt ein Trader auf den Punkt: "Du kannst dich heute nicht einmal mehr auf deinen Instinkt verlassen."

Genau dieser Instinkt war es, der den erfolgreichen Investor vom Durchschnittsanleger trennte. Es war der Blick über die Fundamentaldaten hinweg, der Blick über die Verbraucherstatistiken hinweg, der Warren Buffet Aktien der Fast-Food-Kette Dairy Queen kaufen und James Cramer bei Reebok einsteigen ließ.

Diese Instinkte gelten nicht mehr. Und nackte Zahlen waren ohnehin so lange irreführend, dass sich keiner mehr auf sie verlassen will. Zumal es zu viele Unbekannte gibt, die den Markt bewegen, und deren Ob und Wann überhaupt nicht klar ist. Anleger grübeln über Fragen wie: Was passiert am 11. September? Werden die USA dem Irak den Krieg erklären? Was macht die Notenbank? Wie lange hält eine Sommer-Rallye an? Lohnen sich Gewinnmitnahmen vor einem weiteren Einbruch? Oder liegt der Boden hinter uns?

Die Reaktion des Marktes auf zu viele Fragen ist Unsicherheit und Angst. Für manche sogar Wut und Abscheu. "Viele sind einfach angewidert von Corporate America, von der Wall Street und von der Regierung", meint Bob Chapman, Chefredakteur des Börsen-Newsletters International Forecaster. Die Folgen dieser Abscheu sind die selben: Politikverdrossene wählen nicht etwa eine andere Partei - sie gehen nicht mehr zur Wahl. Und Börsenverdrossene investieren nicht einfach woanders - sie ziehen sich aus dem Markt zurück.

Und auch wenn der Dow am Donnerstagmittag stabil über 9 000 Punkten bleibt: Diese Marke als eine nachhaltige Unterstützung zu sehen, wäre schlicht naiv. Für eine nachhaltige Rallye gibt es zu viele Zweifler an der Wall Street - und zu viele Zweifel.

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