INSIDE WALL STREET
Kolumne: Der Kongress tagt, die Börse strahlt

"Das kann nicht sein", dachte ich selbst. "Da stimmt was nicht", sagte zwei Minuten später mein Kollege am Nebentisch. Wir trauen dem Arbeitsmarktbericht nicht - so sehr wir es natürlich gerne täten.

NEW YORK. Mit einer Arbeitslosenquote von 5,7 % könnte der Markt zur Zeit ganz gut leben, und wenn sich aus den neuen Daten auch noch ein Trend ablesen ließe und man sich auf diesen auch noch verlassen könnte, es wäre einfach zu schön. Leider spricht eine ganze Menge dagegen:

Da sind zum einen die hohen Zahlen zu den Erstanträgen. In den vergangenen zwei Wochen hielten jeweils mehr als 400 000 Amerikaner erstmals beim Staat die Hand auf, auch der weniger volatile Vier-Wochen-Durchschnitt notiert über dieser wichtigen Marke. Von einer Verbesserung des Arbeitsmarktes keine Spur.

Zwei Tage früher hatten bereits die Arbeitsvermittler von Challenger Gray & Christmas einen ähnlich enttäuschenden Bericht vorgelegt. Danach ist die Zahl der von US-Unternehmen angekündigten Entlassungen im vergangenen Monat um fast 50 % auf ein Sechs-Monats-Hoch von 118 067 gestiegen. Drei Monate in Folge hatte die Zahl der Entlassungen nur noch im fünfstelligen Bereich gelegen - von einer Verbesserung des Arbeitsmarktes keine Spur.

Erst in der Vorwoche hatte die selbe Agentur eine Untersuchung veröffentlicht, nach der Arbeitslose deutlich mehr Schwierigkeiten hätten und zwei Monate mehr aufwänden müssten, um eine neue Stelle zu finden. Durchschnittlich 17 Monate dauert es, bis ein Arbeitsuchender wieder eine Stelle hat - das ist der höchste Wert, den man bei Challenger Gray & Christmas je festgestellt hat. Von einer Verbesserung des Arbeitsmarktes keine Spur.

Dem Arbeitsmarktbericht gegenüber ist also Vorsicht geboten. Die größte Gefahr für eine stabile Erholung der Aktienmärkte liegt sicherlich darin, dass Anleger angesichts einer kleinen Verbesserung euphorisch werden, überreagieren und andere Warnsignale übersehen. Genau dann würde es wieder zu einer Rallye kommen (an der sich die Wall Street am Freitag ja auch schon wieder versucht), und diese könnte keinen Bestand haben. Denn einige positive Daten, die im Laufe der vergangenen Tage auf dem Parkett diskutiert wurden, müssen unter Berücksichtigung eines schwachen Arbeitsmarktes diskutiert werden.

Dass nämlich die großen US-Automobilhersteller Rekordverkäufe melden, kündigt eine Krise an, die spätestens in eineinhalb Jahren einsetzen dürfte. Da die Unternehmen Null-Prozent-Finanzierungen anbieten, künstliche Nachfrage anfachen und Kunden auch über deren Verhältnisse locken, werden viele Amerikaner später an ihren Rückzahlungen zu knabbern haben und anderswo sparen müssen.

Und auch der Bau-Boom, so begrüßenswert er ist und so optimistisch er stimmt, wird hohe Folgekosten nach sich ziehen. Wer ein Haus baut, muss gleichzeitig Möbel, Küchen und Haushaltsgeräte kaufen - und bezahlen. Das ist gut für einige Unternehmen in wenigen Branchen, belastet die Konten der Kunden jedoch so sehr, dass mit Spätfolgen auf jeden Fall zu rechnen ist.

Zur Zeit scheint man sich darüber keine Gedanken zu machen, und mit dem überraschend starken Arbeitsmarktbericht im Rücken besteht die Gefahr, dass der Markt ein gewisses Momentum aufnimmt, dass in wenigen Tagen hinfällig ist und dann nur noch verwirrend scheint.

Vielleicht weiß man das alles aber auch an der Börse, vielleicht will man am Freitag die Kurse nur ein wenig ins Grüne treiben, um beim Kongress einen besseren Eindruck zu machen. Der tagt nämlich an der Wall Street, direkt gegenüber der Börse in der altehrwürdigen Federal Hall. Dort wurde 1789 George Washington als erster Präsident der USA vereidigt - es war die erste und letzte Sitzung in New York. So erlebt die Stadt am Freitag einen historischen Moment, und dazu will auch die Börse ein freundliches Gesicht machen.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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