Inside Wall Street
Kolumne: Der Krieg, die Medien und die Börse

Zoff an allen Fronten. Während der Krieg im Golf weiter nicht so läuft, wie sich die Strategen dies erhofft hatten, während sich Kriegsminister Rumsfeld an der Heimatfront harscher Kritik ausgesetzt sieht, und während sich Reporterlegende Peter Arnett nach einem neuen Job umsieht, verliert erneut die New Yorker Börse.

NEW YORK. Dass Peter Arnett nicht mehr für NBC und den Partner MSNBC - ein gemeinsames Projekt von Microsoft und General Electric - berichten darf, spricht Bände. Das Bildschirm-Aus für den prominenten Reporter, der für seine Reportagen aus dem Vietnamkrieg den Pulitzerpreis und für seinen Einsatz im ersten Golfkrieg ("Hinter mir brennt Bagdad") weltweites Aufsehen gewann, bringt das Dilemma der Amerikaner auf den Punkt. Denn Arnett ist ein Interview zum Verhängnis geworden, in dem er ausgesprochen hatte, was alle wussten, und in dem er die wichtigste aller Pentagon-Regeln verletzt hatte: Das Schweigegebot für Kritiker.

Sicher, es war äußerst ungeschickt von Arnett, den Kollegen vom staatlich kontrollierten Iraker TV ein Interview zu geben. Dass ein solches für Propaganda missbraucht werden würde, war abzusehen. Und dass vielleicht unabhängige - freie - Medien dies zwar dulden würden, die Nachrichtenkonglomerate von Corporate America mit ihren engen Verbindungen nach Washington und ins Weiße Haus allerdings nicht, auch das war abzusehen.

Die Strategie der Amerikaner sei nicht aufgegangen, kritisierte Arnett im Iraker TV. Der Krieg verzögere sich, da Washington nicht mit dem erbitternden Widerstand des geknechteten Volkes gerechnet, sondern sich darauf verlassen habe, als Befreier gefeiert zu werden. Nun schreibe man an einem neuen Kriegsplan. Das ist ohne Zweifel richtig. Doch untergräbt es die Moral zuhause, und es stärkt die Moral der Iraker, die nach der Expertise von Arnett doch eine echte Chance sehen könnten, den Feind aus der Neuen Welt zu besiegen.

Arnetts Offenheit könnte viele Menschen das Leben kosten - in erster Linie den alliierten Soldaten. Schuld daran ist natürlich das US-Militär, das einen wesentlichen Teil dazu beigetragen hat, Reporter in den Krieg mit einzubeziehen und aus Journalisten Helden zu machen. Nach Kräften wird gefördert, dass sich einfache Textaufsager in der Wüste Schutzanzüge anziehen, dass sie dem Nachrichtenpublikum das Aufsetzen von Gasmasken vorführen, und dass sie mit staubverklebtem Gesicht live von der Panzerfahrt auf Basra berichten.

So groß ist der Drang zum Heldentum, dass sich jüngst sogar die CNBC-Finanzredakteurin Suze Orman ins Tarnfleck hüllte, als sie die Planung eines Rentenfonds für Soldaten erläuterte.

Die Berichte von der Front lassen, während sie an Dramatik gewinnen, an wahren Informationen zu wünschen übrig. Das hat psychologische Gründe. Es erzeugt Euphorie in einem Land, dessen Fernsehzuschauer sich sicher wähnen. Doch es hat auch eine Kehrseite: Die Euphorie führt unweigerlich zu einem steilen Stimmungsabsturz, wenn sich bereits gefeierte Erfolge nicht einstellen.

Tatsächlich gibt es nicht vieles, was die Alliierten in ihrem Krieg gegen den Irak bislang als Erfolg verkaufen könnten. Dafür gab es allerlei Pannen. Die beschädigen nicht zuletzt das Image der Raubeine in Washington, wo mittlerweile sogar Kriegsminister Rumsfeld offen dafür kritisiert wird, dass er eine Strategie implementiert habe, die gegen die Ratschläge seiner Militär-Experten bei der Armee aufgebaut war.

Die Öffentlichkeit bekommt das mit - langsam. Die Proteste von Millionen Amerikanern gegen den Krieg ließen sich zumindest auf den großen Networks noch ausblenden, die Zahl der Opfer im Irak lässt sich nicht mehr beschönigen. Die ersten toten Soldaten haben Namen, ihre Divisionen sind bekannt, und Eltern beschimpfen US-Präsident Bush, weil der das Leben ihrer Kinder genommen habe. Vieles läuft schief in diesem so sicher geglaubten Krieg.

Und so werden auch die Zweifel der Wall Street an dem Treiben im Irak lauter. Und daran, dass sich nach einem schnellen Ende der militärischen Auseinandersetzung eine Erholung einstelle. In der kranken Euphorie vor dem Krieg hatte sich der Markt eben dieser Vision hingegeben - jetzt erkannt man, dass das Konzept nicht aufgeht.

Dass der Markt zu Beginn der neuen Woche zeitweise um mehr als 200 Punkte abgeben musste, zeichnet ein wahres Bild von der aktuellen Verfassung der Märkte. Sie dürften weiter fallen.

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