Inside Wall Street
Kolumne: Die Aktion klar, die Re-Aktion im Nebel

An der Wall Street sind die Auguren los. Sie wissen ganz genau, was die nahe Zukunft bringt. Fast einstimmig erwarten Experten von der Fed-Sitzung am Mittwoch eine Zinssenkung - doch wissen sie nicht, was sie bringen soll.

NEW YORK. Mehrheitlich erklärt man, dass Harvey Pitt an der Spitze der SEC untragbar geworden ist und Bush ihn feuern muss - doch weiß keiner, wie der Wähler darauf reagiert.

So hat sich die Problematik der Ungewissheit verlagert. Man fragt nicht mehr was passiert, man rätselt über Auswirkungen von Entscheidungen, die in einem instabilen konjunkturellen Umfeld ein Befreiungsschlag und ein Eigentor sein können.

Was macht die Fed? - Sie senkt die Zinsen, wie man auf dem Parkett munkelt. Eine Flut wirklich schlechter Nachrichten hat die Zweifler belehrt. Man versucht nicht mehr, den Arbeitsmarkt schön zu reden und Wachstum in eine Wirtschaft zu interpretieren, in der es keines gibt. Vielmehr streckt man die Waffen und wartet auf Hilfe. Greenspan soll?s richten. Der oberste Währungshüter und die Mannen von der Notenbank sollen den Leitzins um weitere 50 Basispunkte senken und Liquidität schaffen.

Doch stellt sich die Frage nach dem Effekt eines weiteren Abschlags. "Die Fed hat ihr Pulver verschossen", meint Dr. Irwin Kellner, Professor für Volkswirtschaft an der New Yorker Hofstra-University, und er stellt eine rhetorische Frage: "Was kann die Notenbank denn tun? Die Zinsen senken, auf dass noch eine Handvoll Leute ihre Häuser refinanziert? Das ist doch alles schon gelaufen. Und Autos werden die Leute auch nicht mehr kaufen, nur weil Geld noch billiger ist, denn die Zinsen in diesem Bereich sind ja schon lange auf null Prozent."

Außerdem spricht Kellner einen Punkt an, den zu erkennen man dem Anleger eigentlich zugetraut hatte. Die Fed kann den Preis des Geldes kontrollieren - aber nicht dessen Verfügbarkeit. Amerika spart nicht, weil man sich die Zinsen nicht leisten könnte. Amerika spart, weil der Verbraucher seinen Job bedroht sieht, einen Krieg gegen den Irak und einen Rückfall in die Rezession fürchtet. Er wird jetzt keinen Fernseher und keinen Kühlschrank kaufen, nur weil er Geld billiger borgen kann.

Und diese Sorgen umtreiben nicht nur den kleinen Mann. Den Unternehmen geht es nicht anders. Sie fahren Investitionen zurück und halten sich in Sachen Lagerhaltung zurück, weil ihre Umsätze stagnieren und die Gewinne zurückgehen. Was sie sehen - nämlich fallende Großhandelspreise seit 12 Monaten - interpretieren sie als Deflation, und dieser Gedanke lässt sie den Geldbeutel weiter umklammern. Damit schließt sich auch der Kreis: Kostensenkungen finden weiter im Bereich der Personalplanung statt. Corporate America entlässt weiter, der Verbraucher spart weiter.

Ob sich die Fed nun durchringt oder nicht, ob am Mittwoch kommender Woche eine weitere Zinssenkung kommt oder nicht - auf die Börse dürfte die Entscheidung durchaus Einfluss haben, auf die Konjunktur wahrscheinlich nicht. Das macht der Fed eine Entschlussfindung nicht leichter.

Ähnlich ins Grübeln dürfte in den vergangenen Tagen US-Präsident Bush gekommen sein. Am Dienstag stehen Wahlen an, und es geht um nicht weniger als die Mehrheitsverhältnisse in Washington. Die Konjunktur und die US-Märkte dürften einen größeren Einfluss auf die Wahl haben als je zuvor, und auch über die weiter schwelende Vertrauenskrise dürfte mancher sinnieren, bevor er sein Kreuzchen macht.

In dieser Woche haben Bush-Gegner neue Munition bekommen, und zwar aus dem republikanischen Lager. Wenige Tage vor der Wahl hat sich der ohnehin umstrittene SEC-Chef Harvey Pitt für die Mehrheit der Marktteilnehmer endgültig disqualifiziert. Er hatte ausgerechnet für den Posten an der Spitze einer neuen Aufsichtsbehörde einen Mann vorgeschlagen, der selbst schon mit Bilanzschmierereien zu tun hatte - und Pitt wusste um die frühen Verfehlungen seines Kandidaten. Pitts Schweigen gegenüber den Kollegen dürften zahlreiche Wähler ebenso bedrohlich finden wie Präsident Bushs Untätigkeit.

Doch der kann im Moment nicht handeln, denn er steckt in einem Zwiespalt. Wirft er Pitt vor der Wahl raus, könnten Wähler dies als Schuldeingeständnis und ein Zeichen von Schwäche interpretieren. Hält er an Pitt fest, ist dem Präsidenten Untätigkeit anzukreiden. Für Bush wäre es wohl das beste, wenn Harvey Pitt einfach seinen Schreibtisch räumen würde - doch der macht dahingehend keine Anstalten. Auf lange Sicht wird Pitt seinen Job nicht halten können, und wenn er nicht von selbst geht, dann wird ihn Bush wohl irgendwann ersetzen müssen. Damit scheint einmal mehr klar was passiert - und es bleibt die Frage nach Interpretation und Reaktion des Marktes.

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