Inside Wall Street
Kolumne: Die Guten, die Bösen und der Mops

IBM ist optimistisch, die Konjunkturdaten sehen nicht so schlecht aus wie befürchtet, da freut sich die Börse. An der Wall Street ziehen die Kurse an, und sollte es bis zum Abend doch noch einmal bergab gehen, dann ist Rettung in Sicht: Kurz vor der Schlussglocke kommen die Wächter des Guten, Frank der Mops und die "Men in Black".

NEW YORK. Ob es den Dreien gelingt, das Übel an der Wall Street ebenso zu cool beseitigen wie die Aliens im Film? Nun, die Sache stellt sich nicht so leicht dar wie sie scheint. Auf der Leinwand ist die Welt ja weniger kompliziert: Die Bösen sind schleimig oder tragen Fell, sie haben nur ein Auge oder deren drei, die sind kugelig und mit Narben, Stacheln oder Pusteln übersät, sie sabbern,... kurz: Sie sind nicht zu übersehen, jedenfalls nicht für die furchtlosen Jäger.

An der Wall Street ist das anders. Jack Grubman hat zwei Augen im Gesicht, eine Nase und er ist von durchschnittlicher Statur. Dass der ehemalige Telekom-Analyst von Salomon Smith Barney einen der größten Bilanzskandale vertuscht und Papiere gelobt hat, die eigentlich zu verdammen gewesen wären, das sieht man ihm nicht an. Nicht einmal die dichten und tiefschwarzen Brauen lassen den Schluss zu, dass dieser Mann seine halbe Biographie (inklusive seiner Kindheit in Philadelphia und eines Studiums in Harvard) erlogen hat.

Auch Sandy Weill, der CEO der Citigroup, der jetzt über neue Enthüllungen im Zusammenhang mit Jack Grubman stürzen könnte, sieht aus wie viele andere Amerikaner - da stört auch sein Übergewicht nicht. Ob er Grubman in seiner Bewertung der AT&T-Aktie unter Druck gesetzt hat, ob er sich damit die Sympathien des mächtigen Telekomchefs erkaufen wollte oder nicht, das steht ihm nicht auf die hohe Stirn geschrieben.

Auch andere Ganoven haben sich über Jahre hinweg gut getarnt. Stellt man sie heute nebeneinander - am besten vor die berühmte Foot-und-Inch-Wand aus amerikanischen Polizeirevieren -, dann kommt zwar schnell der Gedanke auf, man habe es ja schon früher wissen können. Doch hatte niemand den auffällig bärtigen SEC-Chef Harvey "Meister Petz" Pitt je wirklich verdächtigt, ein großer Vertuscher zu sein. Keiner hatte in dem hageren Imclone-Chef Sam Waksal einen dreisten Lügner gesehen. Keiner hat je gedacht, dass der feiste Dennis Kozlowski seine millionenteuren Appartements in Downtown Manhattan mit dem Geld der Anleger finanziert hat und dass die ewige Sauberfrau Martha Stewart unter ihrer weißen Bluse das schmutzgraue Shirt der Anlagebetrügerin trägt.

Vielleicht hätten die Men in Black samt ihrem Mops schon viel früher kommen müssen. Nun denn, am späten New Yorker Nachmittag werden sie aufs Parkett marschieren, und vielleicht ist ja noch nicht alles verloren. Eine Frage stellt sich indes: Stellen sich den Detektiven weitere Finanzbetrüger direkt aus Corporate America, aus der Finanz- und Analysten-Community oder den Börsenmedien entgegen? Oder müssen Jay und Kay ihre Laserkanonen gleich auf Saddam Hussein richten? Auf den untoten Bin Laden? Oder auf George W. Bush? Oder auf Alan Greenspan?

Ob die Men in Black die Wall Street retten können, bleibt abzuwarten. Zunächst treten sie einmal an, um ganz schlicht die Bilanzen von Sony aufzupolieren. In Begleitung von Benjamin S. Feingold, dem Chef der Filmsparte Columbia Tristar, und MIB-Regisseur Barry Sonnenfeld feiern sie an der Wall Street den Launch der neuen DVD. Während sie aber über das Parkett laufen, dürften die Hüter des Guten die Augen offen halten - da drüben kommt ein Händler ins Schwitzen, da vorne verschanzt sich einer hinter dem Trading Desk... sehr verdächtig.

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