Inside Wall Street
Kolumne: Die Ruhe vor dem Sturm?

An der Wall Street hat die Woche begonnen, in der sich der 11. September zum ersten Mal jährt. Noch ist alles ruhig. In der U-Bahn nach Downtown sitzen die gleichen Leute mit den gleichen Gesichtern, sie lesen die gleichen Zeitungen und sie steigen mit der gleichen Hektik und Betriebsamkeit aus. Dann pressen sie sich durch die Subway-Türen, hetzen und stolpern die Treppe hoch und ins Büro und aufs Parkett.

wsc NEW YORK. Doch Gesichter sind manchmal Masken. Und in dieser Woche dürfte das auf die New Yorker mehr denn je zutreffen. Viele verdrängen ihre Angst vor weiteren Anschlägen oder einfach die Furcht vor der Erinnerung an die schrecklichen Bilder des letzten Jahres. Wie sie wirklich fühlen, lassen manche in der Mittagspause im Gespräch raus, wenn sie mit engen Kollegen am Tisch sitzen und sich gegenseitig Mut zusprechen. Und auch ein Blick auf die Marktbewegungen zeigt, dass Unsicherheit im Markt ist.

Mit Gewinnen können die US-Börsen am Montag nicht rechnen, und auch für die nächsten beiden Tage sieht es mau aus. Und das liegt natürlich nicht an ein paar Downgrades für die PC-Industrie und die Banken. Denn so sehr sich solche Meldungen natürlich auf das Marktgeschehen auswirken: Neu sind sie nicht. Und es liegt auch nicht an den Gewinnmitnahmen, die Steve Goldman, Marktstatege bei Weeden & Co. glaubt. Gewinnmitnahmen nach was, darf man sich fragen, denn eine Rallye hat der Markt ja nun seit einigen Tagen nicht gesehen, vielmehr dümpeln die Aktien orientierungslos durch den Tag.

Nein, es ist die Angst vor dem Unbekannten. Was passiert am 11. September. Gibt es Anschläge in den USA? Auf US-Botschaften im Ausland? Oder ganz woanders? Oder holen die USA zum ersten Schlag gegen den Irak aus? Fragen über Fragen - alle wiegen schwer auf dem Markt, alle wirken sich unmittelbar auf die US-Wirtschaft und auf die Portfolios der Anleger aus. Und Antworten gibt es erst Ende in der zweiten Wochenhälfte, wie überhaupt die ganze Woche sehr endlastig ist.

Nach dem völlig offenen Mittwoch, an dem die Börse später und mit einer Gedenkminute eröffnen wird, steht am Donnerstag wieder einmal eine Rede von Notenbank-Chef Alan Greenspan an. Der wird vor dem Finanzausschuss des Kongress zur konjunkturellen Lage der Nation sprechen. Am Freitag werden sich die Kommentatoren dann mit den Zahlen zu Produzentenpreisen und Einzelhandelsverkäufen auseinandersetzen und sie in Zusammenhang bringen mit Greenspand Einschätzung vergleichen.

Auch aus dem politischen Umfeld erwartet man erst zum Wochenschluss Neues. Präsident George W. Bush wird am Donnerstag vor den Vereinten Nationen zur Irak-Krise Stellung nehmen. Sein Vize Dick Cheney und Außenminister Colin Powell haben bereits angekündigt, dass der Chef wohl "Action" fordern werde.

Bush wird übrigens schon am Mittwoch in New York sein. Er wird am Nachmittag auf Ground Zero erwartet, wo den ganzen Tag über Gedenkveranstaltungen und Messen abgehalten werden. Am Montag hat sich ein ganz anderer Besucher angekündigt: Heino schaut sich die Unglücksstelle an. Der deutsche Barde hatte am Wochenende ein Konzert vor 8 000 Deutschamerikanern in New Jersey, der bekennende USA-Fan hat den Einsturz der Türme vor einem Jahr am Fernsehgerät mitverfolgt und war einer von vielen, die nicht fassen konnten was die Bilder zeigten.

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