Inside Wall Street
Kolumne: Irrungen und Wirrungen

"Die Morgen-Rallye hat nicht funktioniert", bedauert Art Cashin. Der Parkettchef der USB Paine Webber, sucht nach Gründen für den schwachen Handel zum Wochenschluss, und irgendwie scheint dabei sogar er, der als Urgestein der Börse gilt und als einer der besten Kenner der Märkte, den Überblick verloren zu haben. Wie so viele andere auch.

Denn von einer Morgen-Rallye kann am Freitag keine Rede sein. Zugegeben, Dow und Nasdaq hatten um 9.30 Uhr im Plus eröffnet - doch von da an ging es schnurstracks abwärts. Was die Futures und wenige Minuten später die Märkte überhaupt ins Plus getrieben hatte, war auch nur ein völlig verwirrender Arbeitsmarktbericht, der ungefähr so zuverlässige Rückschlüsse auf die Konjunktur zulässt wie eine Kaffeesatzleserin in Chinatown.

Denn die Details aus dem Arbeitsmarktbericht lassen diesen zu einer Farce werden, und angesichts immer widersprüchlicherer Daten fällt es selbst Experten schwer, den Durchblick zu behalten. Die Arbeitslosenquote ist auf 5,6 % gesunken - deutlich niedriger als selbst Optimisten erwartet hatten. Doch wie kann das sein: Seit Wochen notiert die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung deutlich über 400 000, die Zahl der Langzeit-Arbeitslosen liegt auf dem höchsten Stand seit 19 Jahren, die durchschnittliche Wartezeit auf einen neuen Job beträgt 27 Wochen und damit länger als jemals zuvor in der 40-jährigen Geschichte der Arbeitsmarktstatistik. Und eine Teilstudie im Arbeitsmarktbericht erklärt, dass es im September 43 000 Jobs weniger gab als im Vormonat. Wie, um alles in der Welt, soll die Arbeitslosenquote da steigen.

"Vielleicht töten die Amis die Arbeitslosen", witzelte mein Kollege kopfschüttelnd. So schlimm wird es wohl nicht sein (hoffentlich!), doch immerhin scheinen die Behörden die Problematik totzuschweigen oder zumindest zu verdecken. Dass sie Arbeitslosenquote per Befragung von 60 000 Haushalten ermittelt wird, könnte ein Teil des Problems sein. Warum gibt es keine zuverlässigen Zahlen aus dem Ministerium, die darüber Auskunft geben, wer wo wie lange einen Job sucht?

Die Zuverlässigkeit der Daten zeigt sich am Freitag an einer anderen Zahl, über die Händler kurz jubelten, bevor ihnen der ganze Unsinn der Statistik auffiel. Die Zahl der neugeschaffenen Jobs wurde für August revidiert, was nicht ungewöhnlich ist. Allerdings liegt sie nach neuesten Erkenntnissen nicht bei 39 000 Stellen, sondern bei 107 000 Stellen. Damit wurde die Zahl mal eben um 175 % korrigiert.

Zur Verwirrung um den Arbeitsmarkt kommt allerlei hinzu, was die Börse nicht weniger undurchsichtig macht. Da waren zuletzt widersprüchliche Daten zum Verbrauchervertrauen, zu den Bestellungen langfristiger Güter, undurchsichtige Trends im Einkaufsmanager-Index... - unterm Strich scheint eine zuverlässige Analyse und eine Schlussfolgerung auf die Zukunft von Konjunktur und Aktienmarkt derzeit absolut unmöglich.

Auch im politischen Umfeld ist im Moment vieles offen. Sah es einen Moment lang so aus, als könnten sich USA und Uno in Sachen Irak-Krise doch noch zusammenraufen und Waffeninspekteure ins Land schicken, so drohte Präsident George W. Bush nur wenig später, Saddam Hussein hätte nicht mehr viel Zeit und müsse sich auf einen baldigen Angriff gefasst machen. Einer der großen US-Außenpolitiker will von einem Krieg hingegen zunächst einmal nichts wissen. Bei einem Empfang zum Tag der Deutschen Einheit im New Yorker Generalkonsulat fand sich Henry Kissinger, Außenminister unter Präsident Nixon, von einem älteren Herrn belagert, der immer wieder fragte, ob es denn "ein Rezept für den Krieg" gebe, ob schon Pläne ausgearbeitet wären. Kissinger war ob der Frage so überrascht, dass er sich schnell abwendete und den Alten stehen ließ. "Wir sind nicht im Krieg, und so schnell geht das auch nicht", murmelte er noch leise. Sein Staatsoberhaupt dürfte das anders sehen.

Krieg hin oder her, Arbeitsmarkt rauf oder runter - Dow und Nasdaq dürften diese Woche erneut mit Verlusten schließen. Und abgesehen von der Tatsache, dass in den vergangenen fünf Tagen eine Reihe von Unternehmen aus der Finanzbranche und aus dem Pharmasektor, aus den High-Tech-Segmenten Chips, Software, Hardware und Netzwerke für Quartal und Jahr warnten, abgesehen von den schwachen Konjunkturdaten, hätte allein die Verwirrung am Markt um die Zuverlässigkeit von Zahlen und Fakten ausgereicht, Käufer vom Parkett zu halten.

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