Inside Wall Street
Kolumne: Nebel Irak verhüllt neue und alte Skandale

Es ist nicht neu, dass sich die Wall Street ganz auf die Irak-Problematik ausgerichtet hat. Ein rascher Krieg, so hofft man, würde den Markt befreien. Kurse klettern und fallen sensibel zur Nachrichtenlage zwischen Weißem Haus, Pentagon und dem UN-Hauptquartier. Doch hinter den Schwaden der Irakproblematik lauern neue Gefahren, die gegen eine Gesundung der US-Märkte sprechen, und es ist nicht nur die Konjunktur.

NEW YORK. Blick zurück: Schon im vergangenen Jahr waren es drei Faktoren, unter denen der Markt litt. Was ist aus ihnen geworden? Der Kampf gegen den Terrorismus ist zur erwähnten Irak-Krise ausgewachsen. Die schwindenden Gewinne in Corporate America und das mangelnde Interesse an Investitionen ist unverändert im Markt. Und dann war doch noch was... richtig: Die Wall Street litt unter einer Reihe von Bilanzskandalen und unter täglich neuen Nachrichten aus den Zentralen der Gier, die Anleger verstörten.

Da war der Kollaps des Energieriesen Enron. Da war der Fall der Telekombranche mit den Pleiten von Worldcom und Global Crossing. Da war der Analystenbetrug von Jack Grubman bei Salomon Smith Barney. Da waren die Insidergeschäfte von Martha Stewart. Da war die Rekordabfindung für den einstigen Saubermann Jack Welch, für dessen Pension Anleger tief in die Tasche greifen müssen. Da waren die Privatentnahmen der Familie Rigas aus der Firmenkasse des Kabelbetreibers Adelphia. Da war der luxuriöse Lebensstil von Tyco-Chef Dennis Koslowski... ach ja, Tyco - damit wären wir beim Thema.

Der Industrie-Multi, zu dessen Produkten Elektronikbauteile, Alarmanlagen, Produkte für die Gesundheitsbranche und Computerservice gehören, hat seinen Firmensitz seit 1997 auf Bermuda und lässt dort einen minimalen Stab werkeln. Temperaturen von 22 Grad Celsius im Jahresdurchschnitt und kilometerlanger weißer Sandstrand unter Palmen sind nicht die einzigen Pluspunkte, mit denen das Karibikparadies aufwarten kann - und für Tyco sind es nicht einmal die wichtigsten. Vielmehr ist die Insel ein Steuerparadies, und außerdem ist sie weit weg. Vorstände und Aufsichtsräte konnten eine ganze Zeit lang mauscheln, ohne sich wirklich rechtfertigen zu müssen. Investorenmeetings in der Karibik waren ein Event für nicht mehr als eine Handvoll Aktionäre.

Nun ist einiges passiert im letzten Jahr. Tycos Boss Koslowski wanderte für einige Zeit in Untersuchungshaft, seinen Posten ist er längst los, die Aktie brach vor dem Hintergrund eines für lange gestörten Anlegervertrauens zusammen, und nun lädt Tyco wieder ein - wieder nach Bermuda. Tatsächlich soll dort die nächste Aktionärsversammlung statt finden, und dagegen protestiert die Gewerkschaft. "Durch Tycos Umzug nach Bermuda hat das Unternehmen den Aktionären jede Kontrollmöglichkeit entzogen und den Weg zum Millionenbetrug frei gemacht." Tyco schulde es seinen Aktionären, wieder in die USA zurück zu kehren und sich so von der Vergangenheit zu distanzieren. In der Konzernzentrale scheint man das ganz anders zu sehen.

Und Tyco ist nicht das einzige Unternehmen, das durch den Irak-Nebel wieder hindurchblickt, und das beweist, dass die Skandale des vergangenen Jahres nicht etwa gelöst und bereinigt sind, sondern dass sie nur für einen Moment aus dem Blickfeld der Wall Street verschwanden. Weitere Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit: Erst vor drei Wochen bekam die Internetanalystin Holly Becker von Lehman Brothers eine so genannte "Wells notice", mit der die US-Börsenaufsicht SEC Ermittlungen ankündigt.

Auch machen die Behörden angeblich Fortschritt im Fall Frank Quattrone. Der CSFB-Mann soll über Jahre lukratives IPO-Spinning betrieben, also die Aktien heißer Börsenneulingen an gute Kunden verteilt haben, um seiner Bank gutes Geschäft mit deren Investmentbanking und sich selbst ein nettes Gehalt zu sichern.

Martha Stewart hat sich unterdessen selbst ins Gespräch gebracht, nachdem es ihr im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit offensichtlich langweilig geworden war. Die TV-Frau, deren Haushaltswaren einst ebenso der Renner in Amerika waren wie ihre Zeitschriften für die gute Hausfrau und für das Brautpaar in Hochzeitsvorbereitungen, beklagte sich jüngst bitterlich über das mangelnde Mitleid der Bevölkerung mit ihr - hatte man die Multimillionärin doch lediglich dabei ertappt, wie sie sich mit Insidergeschäften um noch ein paar Millionen bereichern wollte.

Wenn das Thema Irak abgehakt ist, und wenn sich der Markt auf die schwachen Ergebnisse der Unternehmen einlassen kann, dann werden kritische Augen wohl auch wieder den ein oder anderen Skandal entdecken. Dass noch einiges im Argen liegt, lässt sich aus den neuen Aktivitäten des New Yorker Generalstaatsanwalts Eliot Spitzer schließen: Der hat mit den Hedge Fonds eine neue Gruppe potenzieller Bösewichte gefunden, gegen die er momentan ermittelt. Aus heiterem Himmel wird er das nicht tun.

Der Krieg macht es schwer, zurzeit eine Marktprognose abzugeben. Doch nicht nur, weil die Frage nach einem Waffengang an sich völlig offen ist, sondern weil er den Blick auf sämtliche andere Themen verstellt, denen sich der Markt bald wieder stellen muss.

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