Inside Wall Street
Kolumne: New York streikt, die Wall Street zögert

Mancher Anleger träumt davon: Einfach nicht mehr mitmachen, wenn die Performance nicht stimmt - das wäre das finale Konzept, um Verluste am Markt zu begrenzen. Doch das Leben ist kein Traum. Jedenfalls nicht für Aktionäre. Polizisten, Musiker und Baseball-Stars haben es da einfacher. Wenn sie nicht genügend Geld bekommen, dann machen sie nicht mehr mit.

wsc NEW YORK. In New York ist es gerade so weit. In Midtown gehen am Donnerstag die Polizisten auf die Straße. Vor einigen Monaten noch als Helden gefeiert und als "New Yorks Finest" unsterblich gemacht, sind die Ordnungshüter bei der jüngsten Tarifrunde einfach übergangen worden. Ähnlich dem deutschen Beamtenrecht steht ihnen ein Streik zwar nicht zu, doch darum schert sich nicht jeder.

Ebenso wenig schert man sich als übergangener Angestellter um kulturelle Verpflichtungen. Die Orchestermusiker des Lincoln Center bestreiken in dieser Woche das "Mostly Mozart"-Festival - das dann natürlich auch keinen Polizeischutz mehr braucht. Ärgerlich für die New Yorker: Wenn sie entgangene Mozart-Freuden mit einer Extraportion Baseball ausgleichen wollen, stehen sie bald wieder vor geschlossenen Toren. Die Profi-Liga will noch am Abend einen Streiktermin festlegen, nachdem die jüngste Gesprächsrunde zwischen Spielern und Team-Besitzern gescheitert sind.

Gestreikt wird also allerorten - bei sengender Sonne und Temperaturen um 35 Grad kommt es ohnehin vielen entgegen, nicht arbeiten zu müssen. Nur an der Wall Street geht der Handel weiter, und nach einigen schwachen Augusttagen sieht es sogar so aus, als könne man ein vorzeigbares Volumen bilanzieren. Allein, der Markt weiß nicht wohin. In den ersten Donnerstagsstunden erlebten die großen US-Indizes eine wahre Achterbahnfahrt. Ein guter Start, dann Schwäche und erste Verluste, dann ein neues Tageshoch,... zur Mittagsstunde dümpeln Dow und Nasdaq nahe ihrer Vortages-Schlusskurse.

Das Zögern an der Wall Street hat einen guten Grund: Die Ereignisse der jüngsten Tage sind noch nicht analysiert. Nach wie vor dreht sich auf dem Parkett alles um die am Mittwochabend ausgelaufene Frist, zu der CEOs und CFOs der größten amerikanischen Unternehmen ihre Bilanzen persönlich zertifizieren mussten. Fast alle sind der neuen SEC-Richtlinie gerecht geworden, und nur eine Handvoll Firmen hat bei der Börsenaufsicht um einen Aufschub gebeten. Dass dieser zunächst bewilligt und auf 5 Tage terminiert wurde, will keiner so recht interpretieren. Ist man optimistisch und erwartet, dass auch der Rest zu seinen Zahlen steht? Oder ist die SEC nachlässig und greift gegen Säumige nicht hart genug durch?

Zwei Meinungen setzen sich unter den New Yorker Händlern durch. Zum einen will kaum einer abstreiten, dass die enorme Rallye von Mittwochnachmittag damit zu tun hatte, dass Minute für Minute Zertifikate bei der Börsenaufsicht eintrafen, und immer mehr Vorstände ihr Signum publik machten.

Zum anderen ist man überzeugt, dass die kurzfristige Unterschriftenaktion der SEC langfristig nichts bringt und auch kein neues Vertrauen in den Markt drückt. Die Aktion von Mittwoch ist nur ein erster Schritt, der den Markt und die Unternehmen vorbereitet auf die Sarbane-Oxley-Bill, jenes Gesetz, nach dem alle Unternehmens-Chefs künftig verpflichtet sind, ähnliche Zertifikate auf ihre Bilanzen auszustellen. Zu dieser neuen Vorschrift, die von Präsident Bush bereits unterschrieben ist, gehört ein umfangreicher Strafenkatalog, der CEOs für Bilanzschmierereien direkt ins Gefängnis bringen kann. Mit Sarbane-Oxley wird Vertrauen an die Wall Street zurück kehren. Aber nicht heute und nicht morgen und nicht übermorgen.

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