INSIDE WALL STREET
Kolumne: Paul Desmond sucht den Boden

"History repeats itself", predigt Paul F. Desmond - doch kennt er die Geschichte und hat aus ihr gelernt. Desmond ist Präsident und Co-Autor des Börsenbriefes "Lowry?s Reports", und er zählt zu den anerkanntesten Analysten und Charttechnikern.

NEW YORK. Für seine Studien über den Bärenmarkt wurde Desmond in diesem Jahr mit dem prestigeträchtigen Charles Dow-Preis ausgezeichnet, und damit ist er der anerkannte Experte für den aktuellen Markt.

Desmond beobachtet den Markt aus der Ferne. Auf das hektische Parkett an der Wall Street zieht es ihn längst nicht mehr, er verfolgt die Indizes aus seinem Büro in Palm Beach im Sunshine-State Florida. Aber dort sieht es zur Zeit alles andere als Sonnenschein. Im Gegenteil: Desmonds Studien, die bis 1933 zurückreichen, legen den Verdacht nahe, "dass die Tiefstände nur ein Zwischenboden waren und dass Investoren erst anfangen in Panik zu geraten." Desmond erwartet einen Ausverkauf, und er erwartet ihn bald. Denn gleich zum Wochen- und Monatsauftakt am Dienstag zeigten die Märkte mit einem Abwärts-Volumen von mehr als 90 % alle Bereitschaft zur Kapitulation.

Die tritt ein - das hat Desmond aus den Dow-Charts der letzten 80 Jahre erkannt - wenn Panik über die erlittenen Verluste Anleger um jeden Preis verkaufen lässt, und zwar mindestens 5 Tage lang in Folge. Ohne diese Panik findet keine Bodenbildung statt, sagt der Experte, doch habe sich genau diese Panik weder nach den Terror-Anschlägen des 11. September noch während der Rezession feststellen lassen.

"Die Investoren müssen das Handtuch werfen", bemüht Desmond Boxer-Latein, und damit kommt er dem Marktgeschehen und der Gefühlswelt der meisten Anleger sogar ziemlich nahe. Denn viele sehen Sternchen, einige stehen vor dem K.O.

Doch so schmerzhaft eine Markt-Entwicklung nach Desmonds Prognosen zumindest kurzfristig für den Markt auch sein dürfte - viel härter trifft sein Statement die übrigen Experten an der Wall Street. Denn unter denen gibt es immer noch einige, die Anleger beruhigen und eine Trendwende herbeibeschwören wollen. Zuletzt hat sich ja auch Barton Biggs in die Reihe der Optimisten eingereiht, dabei war der Chef-Stratege von Morgan Stanley bis dato als Bär bekannt. Am Mittwoch warnt er jedoch vor übertriebenem Pessimismus. Biggs glaubt, dass die im Juli begonnene Rallye länger anhalten und die Börsen höher tragen werde, als der Markt eingepreist hat.

Den jüngsten Kursgewinnen hat auch Desmond in seiner Betrachtung Raum verliehen. Sie seien typisch, sagt er, sie dürften jeweils 2 bis 7 Tage anhalten - und kündigten doch nur eines an: den endgültigen Ausverkauf. Und zumindest eine Tatsache ist unumstritten unter Marktbeobachtern: Die Rallyes zeugen von hoher Nervosität je kürzer sie sind. Sie bieten denen Gelegenheit, Aktien zu verkaufen, die den Mumm nicht haben, noch länger an ihren offenen Positionen zu halten. Doch die bestimmen nicht das Geschehen. Das tun die, die bis zuletzt aushalten und gemeinsam in die Kapitulation gehen, wenn sie ihren Machtverlust über den Markt eingesehen haben.

Beim letzten großen Crash im Oktober 1987 war das so, und Desmond sieht die Wall Street heute in derselben Situation. Den Dienstag bezeichnet er bereits als einen Meilenstein. Doch müssen weitere folgen, um die Wende einzuleiten.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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