Inside Wall Street
Kolumne: Pleiten, Pech, Pannen – und Panik

Erstens kommt es schlimmer, und zweitens als man denkt. Da brechen die Märkte seit Wochen ein, und mittlerweile rechnet bis auf zwei oder drei unverbesserliche Bullen niemand mehr mit einer raschen Erholung - und dann passieren ganz unverhofft auch noch Fehler und Pannen, die Anleger noch eine Spur nervöser machen als sie es eh schon sind.

Panne 1: Millionen oder Milliarden?

Zugegeben, von einer Konsolidierung der Märkte, von einer Stabilisierung für den Dow, wie sie manche Medien dem Mittwochshandel nachträglich attestieren wollten, war ohnehin nicht zu sprechen gewesen. Aber so stark hätten Dow und Nasdaq dann doch nicht einbrechen müssen. Dass die Märkte in den letzten Handelsminuten noch mal um mehr als 1 % einbrachen lag an einer Verkaufsorder, die ein Händler bei Bear Stearns falsch eingegeben hatte. Statt 4 Millionen tippte er 4 Milliarden in den Computer, und mit einem Druck auf die Dreifach-Null vertausendfachte er kurzerhand das Volumen.

Wer die Hektik und den auf dem Tradingfloor der großen Häuser kennt, der wird verstehen, wie es zu einem solchen Missgeschick kommen kann. Sicher kann dem armen Mann keiner einen Vorwurf machen, und seinen Job wird er wohl auch nicht gleich verlieren. Und dass sein Fehler überhaupt so dramatische Folgen hatte, liegt in der Nervosität der Märkte begründet, denn die sorgte dafür, dass sich andere Händler der massiven Kapitalflucht anschlossen. "Wer so eine heftige Bewegung am Markt sieht, sucht nicht lange nach den Ursachen, sondern hängt sich dran", meint ein Börsianer rückblickend.

Das war nicht immer so. Und dass es heute offensichtlich so ist, beweist eindrucksvoll, wie wenig überzeugt die Banken von den eigenen Analysten sind, deren Rat sie täglich per Email empfangen, im Wall Street Journal lesen oder bei einem der großen Börsensender sehen. Denn von denen hat keiner die Aktien auf "Verkaufen", um die es am Mittwoch ging, vornehmlich Dow-Werte wie AT&T, IBM, General Electric oder High-Tech-Riesen wie Cisco.

Und dennoch verkauften sie massiv aufgrund einer einzigen Überlegung: Vielleicht wissen die was, da drüben bei Bear Stearns. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Der große Kostolany würde sich im Grab umdrehen, wenn er solche Verkaufsargumente hören würde, er würde rotieren wie ein Kreisel. Aber so ist der Markt zu Beginn des vierten Quartals 2003. Nervös, übervorsichtig, verunsichert. Und ein Tastendruck lässt Kurse und Indizes purzeln.

Panne 2: Schein oder nicht Schein...

Ausgerechnet zu Zeiten der schlimmsten Vertrauenskrise an der Wall Street, ausgerechnet in einem Moment, wo ohnehin kein Anleger und kein Analyst mehr den Managern glaubt, ausgerechnet dann muss eine kleine Lüge auffliegen, die nicht nur die Karriere eines Mannes beendet, sondern völlig ungerechtfertigt die Glaubwürdigkeit eines Unternehmens ruiniert: Kenneth Lonchar hat gar kein MBA.

Der CFO des Software-Giganten Veritas hatte in seinem Curriculum Vitae einiges geschönt und sich unter anderem eben diesen Schein von der Universität Stanford zugeschrieben - er hat ihn aber nicht. Lonchar galt bis dato als einer der besten Finanzchefs in Corporate America, das Insider Magazin "CFO" lobte ihn mehrfach für seine Fähigkeiten im Geschäft und im Umgang mit Partnern. "Er hat bei seinen Anlegern enorm an Vertrauen gewonnen", schrieb man noch im November 2001. "Kens Fähigkeit, anderen selbst in schwierigsten Zeiten Halt zu geben", lobte die Analystin Anne Meisner von Zurich Scudder Investments Lonchars Fähigkeiten als Vertrauensmann der Branche.

Doch schreibt "CFO" auch von der "enormen Gelassenheit" und dem "großen Selbstbewusstsein", mit dem Lonchard seine Geschäfte gehandelt habe. Wahrscheinlich hatte er seinen CV-Betrug längst verdrängt, mit Sicherheit hatte ihn seit Jahren niemand mehr nach seinem MBA aus Stanford gefragt. Doch hat ihn jetzt die Vergangenheit eingeholt. Dass die Aktie von Veritas am Donnerstag 17 % verliert, steht in keinem Verhältnis zum Geschehenen. Denn wenn einer seinen Lebenslauf schönt, heißt das noch lange nicht, dass er Millionen in die Bilanzen pfuscht. Gegenüber Veritas (lateinisch: Wahrheit) bestehen zur Zeit keine Verdachtsmomente.

Es ist das große allgemeine Misstrauen, das Überreaktionen hervorruft. Doch wenn der Markt eines zur Zeit nicht brauchen kann, dann ist das Panik. Und Pleiten, Pech und Pannen rufen eben diese hervor.

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