INSIDE WALL STREET
Kolumne: Rocker, Rosen, Runaways

Auch der konzentrierteste Broker schaltet abends ab und wirft eine CD ein. Oder legt Vinyl auf, das ist eine Frage der Generation. Ansonsten kreuzen sich die Wege von Broker und Rockstar wohl nicht allzu oft, allein, am Donnerstag begrüßten die Händler einen der erfolgreichsten Musiker auf dem Parkett: Der Jersey-Rocker Jon Bon Jovi läutete die Eröffnungsglocke.

NEW YORK. Ob es unter den Brokern besonders viele oder besonders wenige Bon Jovi-Fans gibt, ist statistisch nie ermittelt worden. Sicher ist allerdings, dass wer die Wall Street in den letzten Jahren verfolgt hat, einige Titel vielleicht ganz anders verstanden hat als die Teenager vor MTV.

Ein Blick in die Bon Jovi-Musikbox zeigt einige Analogien zum Markt. Seine Liebste legte der Sänger einmal auf ein "Bed of Roses". Das war ungefähr zur Zeit des Internet-Booms, als auch die meisten Investoren noch weich gebettet waren. Diese Zeiten sind vorbei. Heute beschwören sich verzweifelte Händler gegenseitig mit einem eindringlichen "Keep the Faith", während manche einen Lebensstil á la "Living on a Prayer" angenommen haben - ihnen bleibt nur zu beten.

Wieder andere würden angesichts ihrer Verluste am liebsten eines machen: "Runaway".

Nun war es am Donnerstag der Rocker, der sich an der Wall Street informierte, nicht andersrum. Doch hatte der Hobby-Investor - wenn auch keinen Aktien-Tip - so zumindest ein wenig Optimismus im Gepäck: Sein neues Album heißt "Bounce", und auf einen solchen Sprung, zumindest einen kleinen Hüpfer, wartet man ja seit langem.

Dass es am Donnerstag aber zunächst noch einmal in die Miesen geht, ist nicht Bon Jovis Schuld. Vielmehr sind es schwache Konjunkturdaten, schwache Umsätze im Einzelhandel, das Bangen vor dem Quartals-Update von Intel, die Erinnerung an eine ganze Reihe Gewinn- und Umsatzwarnungen seit Wochenbeginn,... es gibt viele Gründe zu verkaufen, es gibt kaum Gründe zu kaufen.

Auch außerhalb des üblichen Marktgeschehens gibt es einiges, was Investoren Kopfzerbrechen macht. Da ist zum einen das fehlgeschlagene Attentat auf den von den USA geförderten afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, da ist andererseits Präsident Bushs immer klarere Ansage, den Irak bald angreifen zu wollen. Und da ist immer noch die Angst vor weiteren Anschlägen auf US-Gebiet, die von Tag zu Tag ein wenig stärker wird, je näher der erste Jahrestag der Katastrophe rückt.

So steht die Wall Street auch marktbreit im Minus, mit Ausnahme von Öl und Gold wagt sich keine einzige Branche ins Grüne. Unter den Verlierern reiht sich der Internet-Sektor ein, der 2,5 % abgibt, und mit der Online-Branche hängt eine kleine Anekdote zusammen, die nach dem Rocker Bon Jovi noch ein weiteres Mal Musik ins Börsenspiel bringt. Auf den Tag genau 5 Jahre ist es her, dass Duran Duran die Single "Electric Barbarella" veröffentlichte - zuerst im Internet, dann erst auf Platte. Das war in einer Zeit, als Firmen die Macht des Internet erkannten und als Ideen sprossen, die letztlich die größte Aktienblase in der Geschichte der US-Börsen füllten.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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