Inside Wall Street
Kolumne: Sallie Krawcheck und die Zukunft der Wall Street

Es ist ruhig auf dem Parkett, und auch ein Blick auf die Kurszettel lässt nicht vermuten, dass dieser Mittwoch in die Geschichte eingehen könnte. Die Papiere von Banken und Brokerhäusern handeln etwa so gut wie andere Branchen, die Citigroup dümpelt mit einem Plus von 1,5 Prozent durch den Tag und damit inmitten der übrigen Papiere des Sektors. Doch bahnt sich beim weltgrößten Finanzdienstleister eine Revolution an, die für neue Verhältnisse an der Wall Street sorgen könnte.

NEW YORK. Das Wall Street Journal verkündete die Nachricht am Morgen ganz oben auf dem Titel, denn man ist sich ihrer Durchschlagkraft bewusst. Die Citigroup gliedert ihren Research-Arm Salomon Smith Barney aus. Damit geht man einer Branche im Wandel einen entscheidenden Schritt voran. Die US-Börsenaufsicht SEC und der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer haben die Trennung von Research und Investmentbanking schon vor geraumer Zeit gefordert - bei der Citibank ist es nun so weit. Dabei bleibt der Namensteil Salomon auf der Strecke, und Glaubwürdigkeit tritt an die Stelle, wo zuletzt Worte wie Worldcom und Grubman schallten.

Dass man bei Citigroup bereit ist, einen sauberen Schnitt zu machen und ein für allemal mit der zuletzt schmutzigen Vergangenheit aufzuräumen, zeigt sich an einer Personalie. CEO von Smith Barney wird Sallie Krawcheck, die als bisherige Chefin beim Brokerhaus Sanford Bernstein einen makellosen Ruf hat. Die 37-Jährige gilt als absolut integer, was zum einen an ihren eigenen Analysen liegt, die häufig schonungslos ausfallen und ihr manche Beschwerde von CEOs eingebracht hat. Andererseits liegt es an ihrer Funktion an der Spitze der bis dato einzigen Analystengruppe, die sich in Besetzung und Arbeitsweise von den Speichelleckern anderer Häuser abhebt.

Sanford Bernstein hat als einziges amerikanisches Research-Haus kein Investmentbanking-Geschäft und kein Trading-Desk. Die Analysten arbeiten völlig unabhängig, sie können Firmen kritisieren und Aktien auf "Aggressiv verkaufen" setzen, ohne finanzielle Konsequenzen für die Gesellschaft und sich selbst fürchten zu müssen. Darüber hinaus kommen die Analysten komplett aus den Branchen, über die sie schreiben. Der Versicherungs-Analyst hat jahrelang beim Branchenriesen St. Paul?s gearbeitet, Pharma-Experte Richard Evans war in der Entwicklung bei Roche, einen branchenübergreifenden Volkswirt beschäftigt man nicht - es ließ sich keiner finden, so Krawcheck.

Welchen Wissensvorsprung die Insider zuletzt hatten, und welchen Vorteil Bernstein-Kunden hatten, zeigt sich am besten an zwei Beispielen: Telekom-Analyst Paul Sagwa war es, der inmitten des Branchenbooms eine vernichtende Kritik über das Business von Worldcom, Global Crossing und Konsorten schrieb - und der dafür Hiebe von allen Seiten einstecken musste. Er schrieb von sinkenden Investitionen in die Netze, von einem implodierenden Markt, und er hatte Recht.

Damit lag nicht einfach eine Firma richtig, der Schwarzmaler nachsagten, sie habe mehr Aktien auf "Verkaufen" als alle übrigen Häuser zusammen. Es war schlicht so, dass sich Branchenkenner Sagwa vom allgemeinen Hype um die Branche nicht hatte anstecken lassen müssen. Doch Sanford Bernstein funktioniert auch anderes herum. Im September vergangenen Jahres hagelte es an der Wall Street vernichtende Analysen über General Motors, bei Bernsteins Analyst Scott Hill stand die Aktie auf "Kaufen". Das Papier verbesserte sich bald um 61 %.

Ohne Einnahmen aus dem Investmentbanking stellt sich am Mittwoch für Zweifler die Frage nach der Finanzierung für ein Projekt wie Smith Barney. Nicht so für Sallie Krawcheck: Sanford Bernsteins kleine Gruppe von nur 44 Analysten verdiente wohl mit durchschnittlich 2 Mill. $ pro Kopf und Jahr weniger als die Kollegen bei Konkurrenzhäusern, doch wurden alle aus dem Geschäft mit institutionellen Kunden bezahlt, die das Research der Firma abonniert hatten.

Ob dieses Modell weiter funktioniert, weiß Krawcheck selbst nicht, denn Sanford Bernstein war in seiner Glaubwürdigkeit bisher konkurrenzlos, und so konnte die Chefin noch im Sommer erklären. "Wir wissen, dass die Wall Street ein unabhängiges Analystenhaus tragen kann. Ob der Markt auch mehrere Konkurrenten aushält, muss sich zeigen." Doch steht die Konkurrenz in den Startlöchern: Mit Prudential Securities ist ein weiterer Research-Ableger am Start, andere Firmen sollen laut der geforderten neuen SEC-Statuten in Kürze folgen.

Doch ist Krawcheck optimistisch, und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen hatte Sanford Bernstein 5000 Kunden, die für die Expertise der Analysten zahlten - eine vergleichbare Klientel dürften auch andere Firmen erreichen. Zum anderen ist das Interesse - und damit der Preis - an unabhängigen Beobachtern und Ratgebern sprunghaft gestiegen, seit die Skandale bei Merrill Lynch, Morgan Stanley, der Credit Suisse First Boston und nicht zuletzt Salomon Smith Barney aufgeflogen sind.

Sind die Tage der Wall Street-Ganoven gezählt, wenn sich Smith Barney durchsetzt und als Modell etabliert? Sicher nicht. Denn die Skandale um die Analysten waren auch zuletzt nur eine Facette der Vertrauenskrise um Corporate America. Doch führt Citigroup eine Bewegung an, die langsam und über Jahre hinweg mehr Klarheit an die Börse bringen könnte und deren Ziel es ist, das Vertrauen der Anleger zurück zu gewinnen.

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