Inside Wall Street
Kolumne: Telekom kommt auf den Hund

Dass der Telekom-Index in den vergangenen vier Wochen 25 % an Wert zugelegt hat, macht Anlegern ein wenig Hoffnung. Doch ist diese Hoffnung nur ein Ventil für die pure Verzweiflung. In keinem anderen Sektor sehnt man sich so sehr nach einem Boden, denn nirgends bilanziert man größere Verluste. Der Branchenindex XTC hat seit seinem höchsten Stand im März 2000 ganze 85 % abgegeben.

NEW YORK. Dass der Telekom-Index in den vergangenen vier Wochen 25 % an Wert zugelegt hat, macht Anlegern ein wenig Hoffnung. Doch ist diese Hoffnung nur ein Ventil für die pure Verzweiflung. In keinem anderen Sektor sehnt man sich so sehr nach einem Boden, denn nirgends bilanziert man größere Verluste. Der Branchenindex XTC hat seit seinem höchsten Stand im März 2000 ganze 85 % abgegeben.

Die Bilanz dieses Jahres sieht auch nicht besser aus: Seit Jahresbeginn haben die Telekomwerte 50 % an Wert verloren, einige Unternehmen - darunter Worldcom, Global Crossing und WinStar Communications - sind in den Bankrott geschliddert, und nach den Skandalen um betrügerische Buchungen und die falschen Analysen des Telekom-Stars Jack Grubman (Salomon Smith Barney) ist das Vertrauen der Aktionäre in den Sektor völlig erschüttert.

Die Schlüsselfrage von Anlegern und Analysten lautet: Wer hilft der gefallenen Branche wieder auf die Beine? - Mit einer etwas zynischen Antwort wartet am Morgen das Wirtschaftsmagazin Forbes auf, denn die dortigen Experten nehmen sich ausgerechnet am Tag der Nortel-Warnung einer Geschichte aus Finnland an, die dem gebeutelten Telekom-Markt eine neue Nische eröffnet. Es hilft: der beste Freund des Menschen, der Hund.

Denn wenn die Branche auf den Hund kommt - beziehungsweise der Hund zum Telefon -, dann gesellen sich zum bisher zweibeinigen Kundenstamm allein in den USA auf einen Schlag 52 Millionen potentielle User. Doch was soll der Hund mit dem Telefon? Er soll für sein Herrchen erreichbar sein, wenn er beispielsweise bei der Jagd eine geschossene Ente apportiert und sich dann im Wald verläuft. Herrchen kann dann den Hund anwählen, der ein Handy am Halsband trägt. Er kann ihm Befehle geben ("Sitz!"), er kann dem Bellen seines Gefährten lauschen ("Wuff!"). Und er kann das Tier sogar orten, da der finnische Hersteller Benefon das Gerät mit GPS gekoppelt hat und den Hund per Satellit auf 5 Meter Genauigkeit orten kann.

Unter Jägern in Finnland ist das Gerät ein Renner, und für den Hersteller Benefon zahlt sich die Entwicklung bereits aus. Der Nokia-Konkurrent will gerne expandieren, doch gerade in die USA scheint das nicht zu klappen - und in dieser Problematik dürften sich alle Antworten auf die nur scheinbar unlösbaren Fragen zur Telekom-Krise finden. Denn technischen Finessen wie dem Hund am Handynetz sind die USA har nicht gewachsen. Bevor man sich solchen Ideen zuwenden kann, müssen erst einige grundlegende technische Vorraussetzungen erfüllt sein.

Denn während man sich in Europa und andernorts auf den einen Übertragungsstandard GSM geeinigt und Netze unterschiedlicher Anbieter miteinander verknüpft hat, hält man in den USA an einem eigenen System fest und an der Idee, dass jeder Service-Provider sein eigenes Netz braucht. Nur wenige Unternehmen in den USA, darunter Cingular, AT&T und der jetzt von der Deutschen Telekom übernommene Anbieter Voicestream, bieten GSM überhaupt an - und dann auch nur auf ihren eigenen, regional eingeschränkten Netz.

Wer nun aber auf einem der amerikanischen Handynetze telefoniert, der kennt das alltägliche Problem der viel zu kleinen Netze. Der Service von Voicestream konzentriert sich auf die Ballungszentren - eine Autostunde vor New York bleibt das Handy stumm. Bei AT&T berichten Kunden von Sendeschwäche im Süden der USA, bei anderen Providern stellt sich die Situation nicht besser dar. Da sämtliche Netze vor allem in ruralen Gebieten schwach sind, fällt die Hauptzielgruppe für das Benefon-Gerät weg: die Zunft der Jäger.

Doch die liefert ohnehin nur die Illustration zu einem Problem, an dem die Industrie zu ersticken droht. Zig Firmen haben zig Netze aufgebaut, erst seit kurzem versuchen Provider untereinander Kunden zu vermitteln. Wer heute mit einem Voicestream-Handy nach Florida fliegt, wird dort auf den Service von Bell South umgeleitet. Vor einem halben Jahr war das noch nicht möglich.

Über ein Jahrzehnt sind Telekom-Konzerne wie Pilze aus dem Boden geschossen und haben teure Netze installiert, in Ballungszentren mehrere über- und nebeneinander, nur um später festzustellen, dass sie sich nicht rentabel und gewinnbringend betreiben lassen. Doch man ist auf dem richtigen Weg: Bedingt durch zahlreiche Pleiten sind einige Netze bereits übernommen und großen Providern angeschlossen worden, andere folgen.

Bis die USA aber einmal flächendeckend und bis in die Wälder vernetzt sind, empfehlen die Experten von Forbes den findigen Finnen, einen anderen Weg einzuschlagen und das Handy für den Stadt-Hund zu entwickeln. Der wäre natürlich ein viel reizvoller Kunde, denn er bräuchte nach zielloser Katzenjagd nicht nur den Satelliten, um nach Hause zu finden, er könnte - ganz wie Herrchen - der Mode verfallen und irgendwann neue Hunde-Handy-Trends setzen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der erste New Yorker Hund SMS empfangen kann und Klingeltöne aus dem Internet lädt. Zum Beispiel die Melodie von Lassie.

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