Inside Wall Street
Kolumne: Von wackelnden Sitzen und knallenden Korken

Selbst an der Wall Street ist am Dienstag nicht Börse das Thema Nummer Eins. Auf dem Parkett mutmaßt man über den Ausgang der Wahlen, bei denen die Amerikaner über die Mehrheitsverhältnisse in Washington entscheiden. Wer in der nächsten Periode Senat und Repräsentantenhaus dominiert, ist vorab nicht zu sagen: In beiden Häusern liefern sich die Kandidaten Kopf-an-Kopf-Rennen.

Im Senat halten momentan die Demokraten die knappmöglichste Mehrheit von 50 zu 49 Sitzen und haben die Unterstützung der Unabhängigen James Jefforts und Dean Barkley. Letzterer ersetzt in den letzten Wochen der auslaufenden Amtszeit den tödlich verunglückten Demokraten Paul Wellstone. In Zukunft soll Walter Mondale, der ehemalige Vizepräsident der Regierung Carter, Wellstone für den Bundesstaats Missouri ersetzen - er ist einer jener Demokraten, die den Republikanern im Rennen um die 34 zur Wahl stehenden Sitze gefährlich werden könnten. Trotz seines späten Wahlkampfstarts hat Mondale einen höheren Bekanntheitsgrad als alle anderen Politiker des Staates, seine Chancen auf eine politische Wiedergeburt stehen gut.

Ein weiterer Sitz könnte den Republikanern in Arkansas verloren gehen. Der dortige republikanische Senator Tim Hutchinson hatte 1992 den Einzug in den Senat geschafft, nachdem er einen Wahlkampf rund um das Thema Familienwerte und Moral gestaltet hatte. Mittlerweile ist er nach 29 Jahren Ehe von seiner Frau geschieden und hat eine Mitarbeiterin seines Stabes geheiratet - im konservativen Lager ist das kein Vorteil. Umfragen sehen den Demokraten Mark Pryor mit einem satten Vorsprung.

In North Carolina sieht unterdessen eine der prominentesten Frauen der "Grand Old Party" ihren einst so gewaltigen Popularitätsvorsprung schwinden. Elisabeth Dole, ehemalige Ministerin im Reagan-Kabinett und Assistentin von Präsident Nixon, lag noch vor wenigen Wochen zweistellig vor dem Demokraten Erskine Bowles, dem Chief of Staff unter Bill Clinton. Tage vor der Wahl sahen die Demoskopen Dole nur noch um 6 Pünktchen vorne.

Weitere Staaten, in denen Republikaner am Dienstagabend das Nachsehen haben könnten, sind Colorado und New Hampshire. In Georgia und Louisiana sind hingegen die Mehrheiten für demokratische Senatoren gefährdet, ebenso in South Dakota, wo das Duell zwischen dem Demokraten Tim Johnson und dem Republikaner John Thune als ein Marionettenkampf zwischen Präsident George W. Bush und dem demokratischen Mehrheitsführer Tom Daschle gesehen wird. Wahlumfragen sehen mal den einen, mal den anderen hochrangigen Proteges vorne.

Geringer Vorsprung für die Demokraten

Bundesweit sehen viele Experten am Dienstag die Demokraten vorne, allerdings gibt man ihnen nur einen geringen Vorsprung. Politisch wäre dieser auch nur schwer zu ermitteln und nicht minder schwer zu interpretieren. Denn bei den Senatswahlen geht es, ebenso wie bei den Wahlen zum Repräsentantenhaus nur bedingt um die Politik von Präsident Bush und der Republikaner im Weißen Haus. Üblicherweise spielen bei Wahlen inmitten der Regierungsperiode vor allem lokale und regionale Faktoren eine Rolle. Auf Bundesebene spielt die schwache Konjunktur den Demokraten nur wenig in die Hände.

Entsprechend können sich die Regierenden im Repräsentantenhaus einigermaßen sicher fühlen. Die Demokraten müssten sechs Sitze hinzugewinnen, um die Mehrheit zu übernehmen. Von den 435 Sitzen, die zur Wahl stehen, sind aber nur 38 wirklich umkämpft. Von diesen sind 14 den Republikaner und 10 den Demokraten fast sicher. Die Demokraten müssten nun ihre Rennen allesamt gewinnen und auch noch alle 14 Kopf-an-Kopf-Rennen für sich entscheiden, um aus der Opposition zu kommen. Beobachter halten das für unwahrscheinlich.

Für ebenso unwahrscheinlich hält man eine saubere und reibungslose Wahl in Florida. Das ist nach dem Desaster um die Präsidentschaftswahlen vor zwei Jahren zwar ein Trauerspiel, doch deutet alles darauf hin, dass es im Sunshine-State erneut Probleme geben wird. Zwar hat man sich zur Beobachtung der Wahlen selbstsicher eine OSZE-Kommission eingeladen - und somit der Forderung der internationalen Satire nachgegeben -, doch musste man kurz vor Öffnung der Wahllokale zugeben, dass nicht genügend Wahlmaschinen zur Verfügung stehen und die neuen Touch-Pads nicht von allen Floridianern bedient werden können. Es war natürlich auch eine schöne Idee, ausgerechnet im Seniorenstaat Florida, dem Altersheim der USA, Computer mit berührungssensitiven Bildschirmen einzuführen, wie sie manch ein Rentner noch nie in seinem Leben gesehen hat.

Abgesehen von dem zu erwartenden Wahl-Chaos dürfte es in Florida auch politisch spannend werden. Der demokratische Kandidat Bill McBride, ein millionenschwerer Anwalt und politischer Neuling, hat in den letzten Wochen fast aufgeschlossen, und in der Parteiführung ist fest entschlossen, "den ersten Bush zu stürzen".

Jebs älterer Bruder muss sich indes wenig Sorgen um seine politische Zukunft machen. Abgesehen davon, dass sein Amt als Präsident erst in zwei Jahren zur Debatte steht, kann er seine Politik wohl unabhängig von neuen Mehrheitsverhältnissen weiter verfolgen. Bushs Außenpolitik wird weitgehend von den Demokraten mitgetragen, einem Angriff gegen den Irak haben beide Häuser zugestimmt.

Bush kann sich folglich an Bord der Air Force One zurücklehnen, während er von der Stimmabgabe in Crawford, Texas, zurück ins Weiße Haus jettet. Mit an Bord ist übrigens First Lady Laura Bush. Sie hat mit ihrem Mann gewählt, außerdem feiern die beiden am Dienstag Silberhochzeit. Das wiederum heißt, dass man in Washington am Abend die Sektkorken knallen lassen kann - egal, ob der kleine Bush weiterhin Gouverneur ist und die Republikaner die Mehrheit haben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%