INSIDE WALL STREET
Kolumne: Wer ist John Snow?

Der Schneemann bekommt einen frostigen Empfang. In einer ersten Blitzumfrage bei CBS meinen 29 % der Befragten: "John Snow ist nicht der richtige Mann." Weitere 41 % sagen über den designierten Finanzminister "Den kenn ich nicht". Nur 15 % halten zu Snow, und ebenso viele wollen ihm zumindest eine Chance geben: "Für ein Urteil ist es noch zu früh", sagen sie.

NEW YORK. Wer ist dieser Mr. Snow? Warum hat US-Präsident George W. Bush ausgerechnet ihn zum Nachfolger für den am Freitag gefeuerten Paul O?Neill gemacht? Ist er nicht zu alt für den Job? Und was bedeutet seine Nominierung für den Markt? - Zunächst wenig, das ist schon mal klar. Der Handel an der Wall Street schlägt nicht aus politischen Gründen nach unten aus, sondern vor allem wegen der United-Pleite. Doch sind die Personalien aus Washington Tagesgespräch.

Nach dem Abschied von Paul O?Neill, dem ehemaligen Manager von International Paper und Alcoa, hatte man auf dem Parkett gehofft, ein Nachfolger könnte aus den eigenen Reihen oder zumindest von den Großbanken kommen. Jetzt kommt mit Snow wieder ein Manager. Der neue Mann steht zur Zeit noch an der Spitze von CSX, einem der größten Eisenbahn- und Frachtunternehmen der USA. Doch fuhr Snow in den letzten Jahren nicht nur auf dem eigenen Streckennetz, und schon gar nicht eingleisig. Der 63-Jährige sitzt in den Aufsichtsräten von Johnson & Johnson, Verizon, Circuit City, dem Stahlriesen USX und dem IT-Dienstleister Sapient.

Außerdem gilt Snow als hervorragender Volkswirt, und er hat seine Erfahrungen nicht nur vor 30 Jahren in den Regierungsmannschaften von Richard Nixon und Gerald Ford eingebracht, sondern zuletzt auch als Vorsitzender des Business Roundtables, einer Arbeitsgruppe von CEOs führender US-Unternehmen, deren Erkenntnisse unter Konjunkturbeobachtern und an der Wall Street viel gelten.

Snow, der vom Virginia Business Journal auf 160 Mio. $ geschätzt wird, war einer von 36 CEOs, die George Bush im Sommer zu einem Business-Gipfel in Texas geladen hatte. Er stand zudem für die Wirtschaftsgruppe "The Conference Board" an der Spitze eines Untersuchungsausschusses, der sich jüngst mit den Skandalen in Corporate America und den Problemen der US-Führungskräfte beschäftigte.

Offene Kritik schlägt ihm dennoch entgegen - aber nicht einmal an der Wall Street, sondern vielmehr aus der politischen Nachbarschaft. Tom Daschle, Fraktionsvorsitzender der Demokraten im Senat, freut sich zwar darüber, "dass Bush zu jemandem mit Erfahrung greift". Doch steckt in diesen Worten auch Häme darüber, dass Bush erneut einen Mann aufwärmt, der vor allem durch seine Leistungen in einer früheren Regierung bekannt ist. Zum anderen meint Daschle: "Es geht uns nicht so sehr um Namen. Das Programm der Regierung ist einfach falsch."

Unumstritten sind die Steuersenkungen, die Reformen im Gesundheits- und im Sozialversicherungswesen in der Tat nicht - nicht einmal in der eigenen Partei. Nicht zuletzt auf Grund seiner Kritik am Bush-Paket hatte ja O?Neill gehen müssen. Doch Programm hin oder her, Bush schart nun die Leute um sich, die seine Politik unterstützen, und nach dem überwältigenden Sieg seiner Partei jüngst bei den Kongresswahlen hat er keinen Widerstand zu fürchten.

Der Senat wird Snow ebenso unterstützen wie Stephen Friedman, den Bush als Wirtschaftsberater ins Weiße Haus holen und an die Stelle des geschassten Larry Lindsey setzen will. Friedman, früherer Vize von Goldman Sachs, ist unterdessen auch bei den Demokraten beliebt: Er hat bei der Investmentbank eng mit Robert Rubin zusammen gearbeitet, dem Finanzminister der Regierung Clinton. Den Demokratenkurs wird er wohl dennoch nicht unbedingt fahren, aber er wird vielleicht eine Politik vertreten, die auf der jahrelangen Nähe zu Rubin basieren.

Allgemein wird an der Wall Street begrüßt, dass Bush ganz offensichtlich den Schwerpunkt seiner Politik in Richtung Konjunktur und Wirtschaft verschiebt. Der Krieg gegen den Terror und ein eventueller militärischer Schlag gegen den Irak dürften nach wie vor die Agenda in Washington bestimmen. Doch zeigt des Präsidenten schnelles und entschlossenes personalpolitisches Handeln, dass er die Bedeutung ökonomischer Probleme erkannt hat - für Amerika und seine eigene Zukunft.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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